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Thomas Vašek

WORK-LIFE-BULLSHIT -
WARUM DIE TRENNUNG VON ARBEIT UND LEBEN IN DIE IRRE FÜHRT

von Jörg E. Feuchthofen

Der Titel des Buches ist provokant, der Begriff "Bullshit" fast reißerisch. Hier wird eine persönliche Position gesetzt, die dem Modetrend der "Work-Life-Balance" diametral gegenübersteht. Um jegliche Missverständnisse auszuschließen, signalisiert der Untertitel weiteren Klartext: Die Trennung von Arbeit und Leben führt in die Irre!
Beim unbefangenen Leser entsteht umgehend ein bestimmtes Maß an Neugier, wie häufig bei antizyklischen Positionen, die sich gegen die Abgedroschenheit zeitnaher Trendthemen stemmen (wollen). Wer einen solchen Titel so einfach und drastisch formuliert, dem wird ein gewisses Standing zugestanden. Ansatz und Schreibart klingen nach Peter Hahne, der in seinen Abhandlungen versucht, Glaube, Moral und Ethik auf den Standpunkt eines "normalen Bürgers" und dessen Weltempfinden herunterzubrechen.

Die Lektüre des Buches zeigt, dass der erste Eindruck nicht täuscht. Der Autor ist Chefredakteur des Philosophiemagazins "Hohe Luft". Er beherrscht nicht nur die Geschichte der Philosophie, sondern auch deren Transfer in die Disziplin der Gesellschaftswissenschaften, von der Antike bis zur Moderne. Rückgriffe auf die antiken Griechen oder die Auffassung der Benediktiner-Mönche gelingen ebenso leicht und treffend wie die Unterlegung der Thesen mit Hinweisen auf Kant, Hegel, Marx, Marcuse, Gorz und viele andere. Im Fokus steht bei der Auseinandersetzung mit der jüngeren und modernen Arbeits- und Kapitalismustheorie das flammende Bekenntnis des Autors: Arbeit sei ein wesentlicher Teil des Lebens, der nicht Fron und Fremdbestimmung bedeute, sondern unverzichtbarer und (selbst)prägender Teil jedes einzelnen sei. Arbeit bzw. gute Arbeit erfülle, bilde, forme den Charakter, ja die Persönlichkeit. Sie dürfe nicht auf Ausbeutung und Entfremdung reduziert werden.

Was das Buch lesenswert wie unterhaltend macht, ist zum einen die gelungene Griffigkeit der entwickelten Thesen. Der Autor beherrscht die Kunst, komplexe Sachverhalte und ganze wissenschaftliche Lehren einfach, aber treffend darzustellen. Das mag zum Handwerk gehören. Heraus sticht aber zum anderen die Technik des Autors hervor, zu jeder These gleich die Gegenargumente selbst zu bringen, um diese dann durchaus charmant und gelegentlich auch mit einem passenden Maß an Humor zu zerlegen.

Die Kernforderung von Vaek lautet: Wir sollten nicht für weniger Arbeit auf die Barrikaden gehen, sondern für gute bzw. bessere Arbeit. Freie Zeit sei kein Wert an sich, zumal Freizeit suggeriere, dass das wahre, das gute Leben nur außerhalb der Erwerbsarbeit stattfinde. Gute Arbeit, so der Autor, sei "als eine Form von Praxis" zu sehen, die innere Werte erzeuge und damit zu einem guten Leben beitrage.

Damit nicht ein falscher Eindruck entsteht: Dem Autor war das Risiko offensichtlich bewusst, bei derartigen Fragen und Antworten leicht von der Realität des durchschnittlichen Arbeitsalltags und damit dem Empfinden und den Bedürfnissen der Menschen abzuheben. Aus diesem Grund sind alle Kapitel des Buches jeweils mit "Stimmen der Arbeit" angereichert bzw. "geerdet", vom IT-Berater über den Friseur bis hin zum Fotoredakteur und Schuhmacher. Das erweckt den Eindruck von Live-Interviews und gibt konkrete Lebensbeispiele.

Der Autor macht sich die Mühe, die Kernfunktionen "guter Arbeit" aus seiner Sicht auch zu beschreiben. Dazu gehören etwa die Authentizität von Beruf und Mensch, die Bereicherung durch Erfahrung, die Praxis eines gelebten Vertrauens in andere, der Selbstwert durch Anerkennung, die Kooperation als zutiefst soziale Aktivität, das gelegentliche Aufgehen in der Aufgabe (flow), die Bedeutung des handwerklichen Könnens in allen Formen und Ebenen sowie die Sinnhaftigkeit von Muße auch in bzw. während der Arbeit.

Und das Ergebnis? Vaeks Thesen sind meist überzeugend. Dahinter fallen die relativ kurz ausgeführten Konsequenzen für staatliches Handeln zu den Rahmenbedingungen "guter Arbeit" eher zurück, was aber der Empfehlung "lesenswert" nicht schadet. Wenn überhaupt Fragen auftauchen, sind es solche zur Vorliebe des Autors, mit Arbeit und bezogen auf den Einzelnen Strukturen, Raster und Verantwortungen zu prägen oder dies zu wollen. Sollte Vaek damit allerdings übergeordnete Ordnungsmuster als erzeugte Gewohnheiten für das Individuum und damit einen verlässlichen, gleichwohl gesetzten Rahmen für die Lebensgestaltung meinen, mag das nicht jedem gefallen.

 

Work-Life-Bullshit -
Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt
288 Seiten, Format A5 ohne Abbildungen, Hardcover gebunden
16,99 Euro, Riemann Verlag, München, ISBN 978-3-570-50153-5