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Rolf Schulmeister (Hrsg, 2013)

MOOCS MASSIVE OPEN ONLINE COURSES

Offene Bildung oder Geschäftsmodell?

 

Massive Open Online Courses sind das Thema der Saison. An allen Ecken wird diskutiert, werden Pläne geschmiedet, wird über die Zukunft der Lehre und Weiterbildung nachgedacht. Und all das geschieht offen, in fast täglich erscheinenden Nachrichten, Blogposts und Konferenzbeiträgen. Was kann in diesem Fluss der Ereignisse eine Dokumentation leisten? Wie geht man bei der Planung eines solchen Bandes vor: Wählt man die strategische Perspektive, um sich mit dem Blick nach vorn bewusst vom Tagesgeschehen abzuheben? Oder stürzt man sich ins Getümmel der Nachrichten, Entwicklungen und Begriffe, um Späteinsteigern einen Überblick zu verschaffen?

Um es vorneweg zu sagen: Rolf Schulmeister als Herausgeber sowie seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen haben in diesem Band darauf verzichtet, den "großen" Fragen nach der Zukunft der Hochschulen und der Bildung nachzugehen. Stattdessen bleibt man ganz beim Phänomen selbst: seiner rasanten Entwicklung, seinen Erscheinungsformen, der Didaktik, der Technik, den Anbietern und Plattformen. Dabei wird eine interessante Arbeitsteilung versucht: Es gibt vier Beiträge allen voran die ausführliche Einleitung Rolf Schulmeisters , die sich der Analyse und Reflexion des MOOC-Phänomens widmen, und eine Reihe konkreter Erfahrungsberichte aus dem MOOC-Alltag. Dass diese Arbeitsteilung fast zwangsläufig zu Spannungen führt, ist nicht verwunderlich. Man darf sicher schmunzeln, wenn der Herausgeber (und Pädagoge) Rolf Schulmeister MOOCs als "didaktisch antiquiert" (S. 37) einordnet, während der Praktiker (und Informatiker) Christoph Meinel für die "innovative Lehrform der MOOCs" wirbt (S. 64).

In seiner Einleitung breitet Rolf Schulmeister noch einmal die kurze Historie der MOOC-Entwicklung aus, erklärt, was sich hinter dem Akronym verbirgt und stellt die wichtigsten Anbieter und Player auf dem Markt vor. Akribisch hinterfragt er die ehrgeizigen Pläne und Ziele ihrer Gründer, zitiert ausgiebig, zeigt Schwachstellen im System auf, weist auf die Lücken zwischen Theorie und Praxis hin und moniert fehlende empirische Belege für elementare Konzepte und Behauptungen. Aber vor allem mit Blick auf die Didaktik der Online-Kurse fällt sein Urteil eindeutig aus: " nicht einmal gutes E-Learning" (S. 37)! Schulmeister betont auch, dass der Hype um MOOCs vor dem Hintergrund des amerikanischen Bildungssystems gesehen werden muss, das durch steigende Studiengebühren die Schulden der Hochschulabsolventen im Rekordtempo steigen lässt. Nimmt man die Analysen und Reflexionen von Burkhard Lehmann in diesem Band hinzu, werden folgende zentrale Schwachstellen der MOOC-Entwicklung identifiziert: (a) die fehlende Anerkennung bzw. Zertifizierung des Studienerfolgs, (b) ein fehlendes tutorielles System, das die Teilnehmer beim Lernen im Netz ­unterstützt und begleitet, sowie (c) ein tragfähiges Geschäftsmodell der Anbieter, das erkennen lässt, wohin die Reise geht.

Soweit die Sicht die Kritiker. Aber der vorliegende Band lässt auch die Praktiker zu Wort kommen, und das sind die Vertreter von Hochschulen, die hierzulande MOOCs entwickeln und durchführen. Dazu gehört z. B. das Hasso-Plattner-Institut, über dessen Erfahrungen Christoph Meinel berichtet. Sascha Spoun, Holm Keller und Jutta Grünberg-Bochard fassen den Pilotkurs "Think Tank Ideal City" der Leuphana Universität Lüneburg zusammen, die mit einer intensiven "Betreuungspyramide" ein eigenes Kurskonzept entwickelt hat. Jürgen Handke und Peter Franke stehen für den Virtual Linguistics Campus der Philipps-Universität Marburg und sehen den Mehrwert von MOOCs vor allem "in gut gestalteten multimedialen Lerninhalten" (S. 123). Jörn Loviscach (Bielefeld) und Sebastian Franke (Marburg) haben selbst MOOCs entwickelt und führen in ihrem Beitrag durch die Planungs- und Produktionsschritte der einzelnen Kursbausteine. Eric Rabkin (Ann Arbor/Michigan) reflektiert über die Rolle des Lehrenden in virtuellen Lernräumen. Und Simone Haug und Joachim Wedekind (beide Tübingen) dürfen das Fähnchen der konnektivistischen MOOCs hochhalten, die weniger auf die Vermittlung ganzer Curricula, sondern mehr auf die Vernetzung der Lernenden setzen.

Zusammengefasst bietet der Band einen guten, kenntnisreichen Überblick über den Stand der MOOC-Entwicklung. Er kann die Leser jedoch nicht von der Aufgabe entbinden, selbst weiterhin am Thema zu bleiben. Und ein zweiter Band erst wird ausloten, ob das Internet und die Möglichkeiten der Vernetzung für die Bildung nicht doch mehr sein können als eine weitere Lerntechnologie.

Dr. Jochen Robes

 

Rolf Schulmeister (Hrsg., 2013)

MOOCS MASSIVE OPEN ONLINE COURSES
Offene Bildung oder Geschäftsmodell?
278 Seiten, broschiert
37,90 Euro, Waxmann, Münster
ISBN 978-3-8309-2960-4