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Hurrelmann, Klaus/Albrecht, Erik (2014)

DIE HEIMLICHEN REVOLUTIONÄRE -
WIE DIE GENERATION Y UNSERE WELT VERÄNDERT

Jugendstudien haben in Deutschland eine lange und überdies wissenschaftlich fundierte Tradition. Vor allem die leider seit einigen Jahren nicht mehr aufgelegten Studien der Shell-Stiftung boten regelmäßig Einblicke in die Seelenlage junger Leute. Dabei ging und geht es um Einstellungen, Wertemuster, Ängste, Hoffnungen und Träume. Neben der Erkundung des jeweiligen "Ichs" einer ganzen Nachwuchsgeneration sind auch Projektionen von Bedeutung, die die Haltung "der Jugend" zu Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und ehrenamtlichem Engagement abfragen.

Wesentliche Erkenntnisse auf diesem Feld liefert heute vor allem das Deutsche Jugendinstitut (DJI). Hinzu kommen Spiegelungen "importierter Trends", vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum, die mit knackig formulierten Thesen meist medial aufgegriffen und mit der Sorge des "Aber bei uns doch wohl nicht!" gepusht werden. Bekannte Stichworte sind die "Tiger Mom", die überfürsorglichen "Helikopter-Eltern" oder jüngst die "Curling-Eltern". Meist geht es um das Erziehungs- und Prägeverhalten zwischen den Polen von Altruismus und Durchsetzungsfreude in einer Erfolgsgesellschaft.

Der bekannte Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann hat sich mit Unterstützung des Journalisten Erik Albrecht darangemacht, die bereits vorliegenden Erkenntnisse der Forschung zur heutigen "Generation Y" zusammenzustellen und aufzuarbeiten. Das machen allerdings auch andere. Das Verdienst des hier zu besprechenden Buches ist es, die Ordnungsstruktur der Jugendstudien über die gesamte Nachkriegszeit hinweg zu verdeutlichen. Schlagworte wie die "68er", die "Babyboomer", die "Null-Bock(er)" und die "Generation X" fügen sich zum "Y" (für "Why?") in einen griffigen, informativen und nicht zuletzt unterhaltsamen Kontext.

Während bei vielen (älteren) Jugendforschern eher Distanz zur untersuchten Gruppe, gepaart mit Sorge um ein ausreichendes Engagement für das Gemeinwohl, festzustellen ist, packen die Autoren das Thema eher locker bis humorvoll an. Sie erliegen damit nicht dem Dali schen Dilemma. Danach besteht das größte Übel der heutigen Jugend darin, dass man nicht mehr dazugehört. Mit dieser Einstellung kamen wie kommen häufig Offenheit, Toleranz und unbefangene Neugier der (­älteren) Forscher zu den Selbsteinschätzungen und Selbstperspektiven des Nachwuchses zu kurz.

Geradezu erfrischend sind der Begründungsansatz und die Verortung der zwischen 1985 bis 2000 Geborenen als "Generation Y". Diese Gruppe hat in jungen Jahren den Aufbruch in die Digitalisierung via Internet und soziale Netzwerke als "Natives" erlebt. Die jungen Leute wuchsen direkt in eine Phase intensiver persönlicher Prägung hinein. Gleichzeitig erfuhren sie grundlegende Veränderungen der Gesellschaft als gesetzt: generell die Globalisierung, speziell die Terroranschläge vom 11.09.01, die Fukushima-Katastrophe, die Hartz-Reformen der Arbeits-, Sozialhilfe- und Rentengesetze und nicht zuletzt die weltweite Finanzkrise.

Hurrelmann und Albrecht zeigen auf, dass die "Generation Y" hieraus eigene Merkmale entwickelt hat. Sie hinterfragt scheinbar eherne Grundsätze in Arbeit, Familie, Politik und Freizeit. Sie nutzt spielerisch wie beruflich das Internet, zeigt sich unbekümmert ob der Unsicherheit in der Arbeitswelt und versucht, möglichst gute Leistungen zu bringen. Und nicht zuletzt ist Karriere nicht mehr das A und O von Lebenszielen, sondern eine personenbezogene Work-Life-Balance, selbst wenn dies Reduktionen beim ansonsten erzielbaren Einkommen bedeuten mag.

Im Ergebnis sehen die Jugendforscher ein Leben im Ungewissen als Hauptmerkmal der "Generation Y". Diese Statusinkonsistenz wird zum Lebensgefühl, das Ganze wird gesehen als ein langgestreckter Zeitraum mit offenem Ausgang. Die junge Generation muss sich also ständig neu erfinden. Sie ist eine Generation der Realisten, die sich mit positivem Ansatz daran gewöhnt hat, sich immer mehrere Optionen offenzuhalten. Den Rückhalt hierfür holen sich junge Leute moralisch wie materiell (wieder) bei ihren Eltern.

Die Lektüre des Buches ist uneingeschränkt zu empfehlen. Den Rezensenten hat beeindruckt, dass die Autoren nicht bei der Beschreibung der Merkmale der "Generation Y" stehenbleiben, sondern an die Konsequenzen denken. Hurrelmann/Albrecht gehen davon aus, dass die Einstellungen und Verhaltensweisen der jungen Generation zu erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen führen werden. Ob sich diese neue Egotaktik oder Tugend am Eigennutz dann tatsächlich zu einer evolutionären Revolution entwickeln wird, mag dahingestellt bleiben.

Jörg E. Feuchthofen

Hurrelmann, Klaus/Albrecht, Erik (2014)
Die heimlichen Revolutionäre
Wie die Generation Y unsere Welt verändert

255 Seiten, Format A5 gebunden, 17,99 Euro
auch als E-Book erhältlich, 18,95 Euro
Beltz Verlag Weinheim und Basel
ISBN 978-3-407-85976-1