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BERTELSMANN STIFTUNG (HRSG., 2015)

 KOMPETENZEN ANERKENNEN
WAS DEUTSCHLAND VON ANDEREN STAATEN LERNEN KANN

 

Wie anerkennen und nutzen europäische Länder informelles und non-formales Lernen? In Deutschland wird beruflich relevantes Erfahrungswissen kaum erfasst erfasst und sichtbar gemacht. Menschen lernen jedoch auch informell in Beruf und Freizeit sowie non-formal in der Weiterbildung also kontinuierlich und über formale Bildungseinrichtungen hinaus. Diese Kompetenzen können für die berufliche Handlungsfähigkeit in vielen Fällen bedeutender sein als formell zertifiziertes Wissen und Können. Ein Anerkennungssystem könnte besonders formal Geringqualifizierten und Zuwanderern helfen, aber auch anderen Erwerbstätigen sowie den Unternehmen, wenn es darum geht, alle berufsrelevanten Kompetenzen besser verwertbar zu machen.

In einigen Ländern Europas gibt es bereits Verfahren mit Zertifikaten, die auf dem Arbeitsmarkt anerkannt sind. Anhand von sieben europäischen Ländern wird ein Überblick gegeben, wie die Anerkennung von Kompetenzen in Bezug auf Rechtsgrundlagen, Instrumente und Verfahren, aber auch hinsichtlich Finanzierung, Institutionalisierung und Supportstrukturen funktionieren kann. Fünf Kernelemente, die zentrale Fragen und Aspekte eines Anerkennungssystems berühren, stehen dabei im Mittelpunkt und werden beispielhaft behandelt:

Rechtliche Grundlagen: Sie sichern, dass die Ergebnisse des Anerkennungsverfahrens verbindlich und verwertbar werden. Es wurde untersucht, wie die Anerkennung informellen Lernens jeweils rechtlich verankert ist und für welchen Bereich sie gilt. In einem ersten Schritt könnte in Deutschland die Möglichkeit zur Prüfung der Qualität informell erworbener Kompetenzen rechtlich verankert werden analog zu den Möglichkeiten, die es gibt, ausländische Abschlüsse anerkennen zu lassen. D. h. z. B., eine jahrelang in der Pflege beschäftigte Aushilfe ohne Ausbildungsabschluss hat in der Praxis viele Grundlagen und Arbeitsabläufe der Altenpflege erlernt. Sie hätte nun ein Recht auf Prüfung und Anerkennung dieser Kompetenzen.

Verfahren und Instrumente: Ein Anerkennungssystem braucht effiziente Verfahren, die aussagekräftige Ergebnisse liefern. Dies sichert Akzeptanz und erhöht die Nachfrage. Ein Stufenmodell würde für Deutschland Transferpotenzial bei einer möglichen Verknüpfung der bereits bestehenden Kompetenzpässe und beschäftigungsbezogener Teilqualifikationen bieten. Für die beispielhafte Pflegeaushilfe würde dies bedeuten, dass ihre Kompetenzen dokumentiert werden und sie anschließend per Nachqualifizierung mit verschiedenen Modulen ein berufsadäquates Kompetenzprofil vervollständigen und weitere Schritte in Richtung eines Berufsabschlusses gehen könnte.

Finanzierung: Vorhandene Finanzierungsstrukturen und die Frage, wer in welcher Höhe Kosten für das Validierungs- oder das Qualifizierungsverfahren übernimmt, sind wichtig für die Etablierung eines Anerkennungssystems. In Europa gibt es staatliche, betriebliche und private Finanzierungsformen sowie diverse Mischformen. Die Tradition kostenfreier Bildung in anderen europäischen Ländern hat dort auch positiv auf die Anerkennungssysteme informeller Kompetenzen gewirkt. Es besteht ein Anspruch auf überwiegend öffentliche Finanzierung. Als Alternative könnten Mischformen über eine einkommensabhängige Unterstützung per BAföG oder Bildungsfonds in Deutschland einen Ansatzpunkt bieten. Wie in den Niederlanden und Frankreich ist für Deutschland auch eine Beteiligung der Unternehmen an der Validierungsfinanzierung über die Freistellung der Mitarbeiter vorstellbar.

Institutionalisierung: Eine feste Institutionalisierung ist eine wesentliche Bedingung für die allgemeine Akzeptanz der Zertifizierung von non-formal oder informell erworbenen Kompetenzen. Dabei muss klar sein, welche Akteure in welcher Rolle oder mit welcher Zuständigkeit beteiligt und in welcher Form vernetzt sind. Nach dem Muster der Schweiz könnten sich in Deutschland die Beteiligten im Bereich der formalen Berufsbildung, wie die Kammern oder Bundesagentur für Arbeit, auch die Aufgaben der Anerkennungsverfahren non-formaler und informeller Kompetenzen teilen.
Supportstrukturen: Die Nutzer komplexer Anerkennungsverfahren brauchen einen niedrigschwelligen Zugang zu Information und Beratung. Dazu gehören flächendeckend Angebote zur Präsenzberatung und Unterstützung, auch Websites oder Online-Chats mit Fachleuten, die Informationen zu Abschlüssen und Validierungsverfahren vermitteln. In Deutschland böte sich an, die Agenturen für Arbeit oder die Kammern mit der Beratungsaufgabe zu betrauen. Sie verfügen über Beratungskompetenz, fungieren schon bei anderen Inhalten als Beratungsstelle und sind flächendeckend etabliert.

Jörg E. Feuchthofen

 

Kompetenzen anerkennen
Was Deutschland von anderen Staaten lernen kann
615 Seiten, Format A5, Softcover
38,00 Euro, Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh
ISBN 978-3-86793-582-1