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Bernhard Kalicki/ Ilse Wehrmann/ Jürgen Wüst

fAMILIEN- UND bILDUNGSPOLITIK IM wANDEL - eINE zWISCHENBILANZ

von Jörg E. Feuchthofen 

Festschriften werden nicht allzu häufig rezensiert. Das hat auch einen guten Grund, sind viele doch als thematische Sampler ausgestaltet, mit bunt wie breit angelegten Beiträgen wichtiger Menschen, denen der Jubilar auf seinem Lebens- bzw. Berufsweg begegnet ist. Da fehlt dann schnell der rote Faden.

Manchmal, wenn auch selten, ergibt sich eine andere Ausgangslage. Zumindest dann, wenn der Jubilar breit angelegt ist, vor allem in den Geisteswissenschaften, etwa bei Anthropologen, Philosophen oder auch gerne provokanten Soziologen, wie Niklas Luhmann beispielsweise. Auch die erweiterte Juristerei, beispielsweise bei den Staats(kultur)wissenschaften, eignet sich gut für thematisch verbundene Festschriften.
Noch seltener sind Jubilare, die Dinge in mehreren Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bewegt, geprägt und manchmal sogar verändert haben. Dazu gehört Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, dem die hier besprochene Festschrift zum 75. Geburtstag gewidmet ist. Das breit gefächerte Wirken des gelernten Pädagogen, Psychologen und Anthropologen ist wie die Bundeskanzlerin in ihrem Grußwort zutreffend schreibt reich an Leistungen, denen eine besondere Würdigung gebührt .

Kein anderer Wissenschaftler in Deutschland hat die frühkindliche Bildung, ihre Bedeutung als Aufgabe der Kitas und Grundschulen sowie ihre Verzahnung mit der Familie dermaßen neu auf die Füße gestellt wie Fthenakis. Er zählt zu den Pionieren eines neuen Bildungsverständnisses, das die allgemeine Sicht auf das kindliche Lernen maßgeblich beeinflusst und zudem in der professionellen Ausgestaltung des Lehrens verändert hat. Ob nun internationale Bildungsstudien oder vergleiche diese Entwicklung befördert haben, ist nebensächlich. Fthenakis war ein wichtiger Treiber, um die in Deutschland zu Beginn der 90er Jahre gegenüber anderen Ländern in Europa verschlafene Reform der frühkindlichen Bildung zügig aufzuholen.

Die Festschrift spiegelt diese Entwicklung auf informative wie anschauliche Weise. Sie schafft eine Annäherung an den Jubilar, die diesen nicht auf einen Sockel stellt und museal verpackt. Der im Titel gewählte Begriff der Zwischenbilanz erspart dem Leser Abschließendes oder Erhöhendes. Und er wird der unermüdlichen Energie des Schaffens beim Jubilar, heute als Präsident des deutschen didacta-Verbands und sogar der Worlddidac Association gerecht.
Zahlreiche und renommierte Autoren haben die Entwicklung von frühkindlicher Bildung und verzahnter Familie entlang des Schaffens von Fthenakis nachgezeichnet. Dafür stehen etwa Rita Süssmuth, Klaus Kinkel oder Ursula Lehr. Die Linie der Publikation konzentriert sich dabei auf drei Aspekte, die das Wirken von Fthenakis spiegeln. Unter der Klammer des Wandels in der Familien- und Bildungspolitik geht es um die Familie, um die frühkindliche Bildung und um die Politikberatung, ergänzt durch ein biografisches Kapitel.

Vor allem die Beiträge zur Politikberatung zeigen, wie man es eben macht, neue Konzepte nicht nur zu denken und zu formulieren, sondern diese auch an den Mann bzw. die Frau zu bringen. So wird in den Linien deutlich, dass es durchaus möglich ist, Wissenschaft voranzubringen und deren (neue) Ergebnisse auch in der Gesellschaft anzustoßen und zu verankern. Dass der Jubilar dabei auch in der Praxis ebenso Gespür wie eine gute Hand hat, zeigen nicht zuletzt die vielen Fotos aus seinem öffentlichen wie auch privaten Leben.

Den einen oder anderen mag es verwundern, wie wichtig Fthenakis die Vaterrolle in seinem Wirken war und ist. Heute zeigt sich, dass dies der richtige Ansatz war und ist. Die Festschrift macht entlang der vergangenen 30 Jahre deutlich, dass die moderne Einheit von Eltern und Kindern eben nicht nur einen Wandel der Frauen(Mütter)rolle erlebt, sondern auch konsequent die Rolle der Väter mit einbeziehen muss.

Kurzum: Die Festschrift ist nicht nur eine nette Geste der Achtung gegenüber dem Jubilar. Sie ist erfreulich frisch geschrieben und gibt Einblick in ein Stück Kulturgeschichte der Bildungs- und Familienpolitik, über mehrere Jahrzehnte hinweg bis heute. Keine Belehrungen, keine Weisheiten aus dem Elfenbeinturm, dafür viel Inhaltliches. Und das Lebensbild eines Wissenschaftlers, der so Anette Schavan sich als Wissenschaftler versteht, der sein profundes Wissen praxisnah zu nutzen weiß . Dazu muss man ergänzen: mit viel Charme, Wärme und zutiefst überzeugt von der Notwendigkeit seiner Anliegen!


 

Bernhard Kalicki / Ilse Wehrmann / Jürgen Wüst (Hrsg.) (2012)
Familien- und Bildungspolitik im Wandel Eine Zwischenbilanz

144 Seiten, Format A4, bebildert,  gebunden
19,90 Euro, verlag das netz, Weimar Berlin
ISBN 978-3-86892-077-2