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Eckart Sievering / Ulrich Teichler (Hrsg.)

AKADEMISIERUNG DER BERUFSWELT?

von Jörg E. Feuchthofen

"Wir sollten den Akademisierungswahn stoppen", forderte Julian Nida-Rümelin, vormaliger Staatsminister für Kultur in der Regierung von Gerhard Schröder, am 1.9.2013 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Eine solche Aufforderung, überdies von einem Sozialdemokraten, löste prompt heftige Reaktionen in Politik und Öffentlichkeit aus. Studieren lohne sich heute wie morgen mehr denn je, kontern die einen und sehen das Problem eher bei zu wenigen Bildungsfernen an den Universitäten. Die anderen befürchten eine bald nicht mehr schleichende quantitative wie qualitative Auszehrung des Systems der beruflichen Bildung. Sie verweisen darauf, dass eine akademische Bildung nicht automatisch mehr Rendite bei Arbeitsplatzsicherheit und einem höheren Einkommen bedeute. Und so die Befürworter der Berufsbildung die Durchlässigkeit zwischen den Bildungssektoren sei mittlerweile so groß wie noch nie, was Hand in Hand mit entsprechenden (Bildungs-)Aufstiegsmöglichkeiten im Arbeitsleben gehe, ob berufsintegriert oder berufsbegleitend.

Wer angesichts dieser Verkürzungen mehr zum Thema und seinen Grundlagen wissen möchte, dem sei der jüngst erschienene Sammelband von Eckart Severing und Ulrich Teichler als Herausgeber empfohlen. Unter den Leitfragen "Akademisierung der Berufswelt Verberuflichung der Hochschulen?" gehen die Beiträge einer Tendenz nach, die knapp mit der Auflösung traditionell getrennter Funktionsbilder von beruflicher und hochschulischer Bildung zu beschreiben ist. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Experten der beruflichen Bildung in Deutschland sehen in jüngster Zeit nicht mehr ein funktionales Nebeneinander von "akademischen und beruflich-betrieblichen Bildungsgängen", sondern einen deutlichen Wettbewerb. Eine schleichende systematische Konkurrenz erhöhe das Risiko, dass die berufliche Bildung im Zuge der Hochschulexpansion "marginalisiert werde".
Der Sammelband deckt in diesem Kontext ein weites thematisches Feld ab. Kernteile sind die Entwicklung der Anforderungen bei Berufen der mittleren Qualifikationsebene, internationale Fragen zur Überschneidung von Berufsbildung und akademischer Bildung sowie die Durchlässigkeit zwischen beiden.

Die Beiträge basieren auf einer Fachtagung im Sommer 2011, wurden aber in der Zeit danach aktualisiert und erweitert. Da neueste Zahlen und Daten die beschriebenen Tendenzen bestätigen, ist eine hohe Aktualität gewährleistet.
Erfreulich und sehr förderlich beim Lesen wie Zuordnen ist das Bemühen der Autoren, Daten nicht nur für sich aufzubereiten und zusammenzustellen, sondern in einen qualitativen Kontext zu stellen. Daraus ergibt sich eine klare Problemlage. Wie bisher steht die duale Ausbildung schwächeren Bewerbern am unteren Rand zurückhaltend gegenüber, Stichwort Ausbildungsreife. Sie nimmt damit bewusst wohl auch zur eigenen Qualitätssicherung Verluste beim Zugang am unteren Rand in Kauf, auch wenn sich die Entwicklung in der betrieblichen Praxis aufgrund der demografisch sinkenden Zahl der Lehrstellenbewerber langsam ändert. Neu ist die Veränderung bei der direkt interessanten Nachwuchsgruppe am oberen Rand: Der Sampler belegt in der Datenanalyse, dass dem Abgang von 3,2 Mio. Erwerbstätigen mit Hochschulqualifikation zwischen 2010 und 2030 ein Zugang von 4,9 Mio. gegenübersteht, also fast ein Viertel mehr. Auf der mittleren Qualifikationsebene stehen dagegen für 11,5 Mio. Abgänge nur 7 Mio. Neuzugänge bei den Fachkräften bereit, ein Minus von fast einem Fünftel.

Das Buch macht deutlich, dass es künftig nicht mehr um die klassisch gesonderten Zielmärkte bei beruflicher und akademischer Bildung geht. Hochschule und Berufsbildung werden in weiten Bereichen einer Überschneidung des Arbeitsmarktbedarfs im Wettbewerb zueinander stehen. Die Autoren des Sammelbands zeigen auf, dass es hierzu im Bildungssystem derzeit noch keine integrierte Reformstrategie gibt, die sowohl die berufliche als auch die akademische Bildung erfasst und systematisch ordnet. Möglicherweise wird es zu hybriden Typen von Bildungsgängen kommen, die unterschiedliche Kombinationen von Hochschulbildung und Betriebspraxis anbieten, wie die dualen Studiengänge sie heute als Prototypen darstellen. Auch hier wird sich dann die Frage stellen, wo für die klassische duale Ausbildung der adäquate und weiterhin geschätzte Platz sein mag.

 

259 Seiten, Format A5 mit Abbildungen, Softcover
29,90 Euro, Berichte zur beruflichen Bildung (13),
Schriftenreihe des Bundesinstituts für Berufsbildung
W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld, ISBN 978-3-7639-1158-5