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Bildungschancen

Jörg E. Feuchthofen

Seit PISA wissen es alle in Deutschland, ob Lehrer, Eltern und vielleicht auch die Schüler. Das deutsche Schulwesen orientiert sich an der Mitte des Leistungsspektrums und liebäugelt mit dem Durchschnitt. Zu wenig gefördert werden die besonders Leistungsstarken, aber eben auch die Leistungsschwachen. Das hat dem Land schon den Besuch eines UN-Inspektors beschert.

Was hat es also auf sich, mit der aktuellen Chancengerechtigkeit? Spielt der sozio-ökonomische Hintergrund tatsächlich eine so maßgebliche positive wie auch negative Rolle, wie dies manche Bildungsforscher und -reformer sehen? Grund genug für das Institut für Demoskopie Allensbach, dieser Frage im Auftrag der Vodafone Stiftung im deutschen Schulwesen auf den Grund zu gehen. Zumal das Institut bereits im Frühjahr des Jahres mit dem Ergebnis einer repräsentativen Umfrage in der Bevölkerung Aufsehen erregte. Danach ist den Deutschen die Bildungsgerechtigkeit das größte Anliegen, weit vor anderen Bereichen wie etwa der Verteilungs- und Steuergerechtigkeit.

Kurz und trocken formuliert ging und geht es um die Frage: Bedingt etwa das Elternhaus in entscheidendem Maß den Schulerfolg bzw. -misserfolg? Offenkundig sieht das zumindest die Mehrzahl der Lehrer in der schulischen Praxis so, wenn auch mit unterschiedlichen Facetten:

Fast zwei Drittel der Lehrer in Deutschland bezweifeln, dass Schüler ungeachtet ihrer sozialen Herkunft die gleichen Bildungschancen haben: 61 % sehen eine Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen grundsätzlich nur unzureichend oder überhaupt nicht gegeben. Drei Viertel der Lehrer (74 %) sind zudem der Ansicht, dass eine individuelle Förderung einzelner Schüler zum Beispiel zur Verringerung bestehender Leistungsunterschiede im Rahmen der Lehrpläne kaum oder gar nicht möglich ist. Insgesamt geben 54 % der Lehrer an, dass das Unterrichten und der Umgang mit den Schülern im Lauf der letzten fünf bis zehn Jahre deutlich schwieriger geworden sei:

Leistungskluft zwischen Schülern verschiedener sozialer Herkunfthttp://www.vodafone-stiftung.de/pages/presse/publikationen/subpages/allensbach-studie_-_hindernis_herkunft/index.html

Wie die Studie zeigt, sind fast alle Lehrer in Deutschland (96 %) davon überzeugt, dass der soziale Hintergrund des Elternhauses die Leistung von Schulkindern beeinflusst. 83 % halten diesen Einfluss sogar für groß bis sehr groß. Ferner sind 54 % der Pädagogen der Ansicht, dass die Leistungsunterschiede zwischen Schülern aus verschiedenen sozialen Schichten zugenommen haben. Besonders häufig trifft dies auf Lehrer an Haupt- und Realschulen zu (63 %).

Auch bei der Selbsteinschätzung der Schüler zu ihren schulischen Leistungen und ihrer Neigung zum Schulbesuch sind die sozialen Unterschiede deutlich erkennbar: Schüler aus sozial hohen Schichten attestieren sich zu 63 % gute Leistungen und gehen zu 42 % gern zur Schule, während sich nur 37 % der Schüler aus sozial schwächeren Schichten gute Leistungen bescheinigen und auch nur jeder Vierte dieser Schüler (25 %) gern zur Schule geht. Dessen ungeachtet betonen Lehrer aber mit deutlicher Mehrheit (83 %), dass die soziale Herkunft der Schüler bei der Empfehlung für die Wahl einer weiterführenden Schule keine Rolle spielen sollte.

Defizite im Elternhaus als Hauptursache für ungleiche Chancen von Kindern

Sowohl Lehrer als auch Eltern sind sich einig: Defizite im Elternhaus sind die wesentliche Ursache dafür, dass einige Kinder schlechtere Chancen haben als andere. 84 % der Lehrer und 79 % der Eltern betonen vor allem das fehlende Interesse von Eltern an einer Beschäftigung mit den eigenen Kindern. Auch nennen Lehrer und Eltern Erziehungsmängel im Hinblick auf gewissenhaftes Arbeiten (77 bzw. 76 %), eine fehlende Vorbildfunktion der Eltern (75 bzw. 78 %) und zu wenig Zeit der Eltern für ihre Kinder (69 bzw. 65 %) als Hauptursachen.

Wie die Studie weiter zeigt, sind mehr als drei Viertel aller Lehrer (76 %) der Meinung, Eltern aus sozial schwächeren Bevölkerungsschichten zeigten vergleichsweise wenig Interesse am schulischen Alltag ihrer Kinder.

Viele Ansprüche von Lehrern und Eltern an gute Schulen unerfüllt

Bei der Beurteilung dessen, was eine ideale Schule ausmacht, sind sich Lehrer und Eltern weitgehend einig: 94 % der Lehrer und 92 % der Eltern betonen vor allem das Engagement der Pädagogen, auf deren gute Ausbildung legen 85 % aller Lehrer und 83 % aller Eltern besonderen Wert. Auch in der Gesamtbevölkerung sind 83 % aller Befragten der Meinung, dass der Schulerfolg eines Kindes primär davon abhängt, wie gut dessen Lehrer sind. Lehrer und Eltern teilen auch die Auffassung, dass die Situation an den Schulen teils weit hinter diesem Ideal zurückbleibt.
Die mit Abstand größte Diskrepanz zwischen dem Anspruch an eine gute Schule und der Wirklichkeit besteht bei den Klassengrößen und bei der individuellen Förderung von Schülern. So legen 76 % der Lehrer und 80 % der Eltern besonderen Wert auf kleine Klassen: allerdings sehen diese nur 23 % der Lehrer sowie 19 % der Eltern auch umgesetzt. Eine gezielte Förderung nach den Begabungen der Kinder halten 75 % der Lehrer für wichtig, aber nur 29 % für verwirklicht. Eltern betonen diesen Aspekt zu 78 %, finden ihn jedoch nur zu 20 % im Schulalltag vor. Spezielle Förderkurse für benachteiligte Schüler fordern 69 % aller Lehrer sowie 71 % aller Eltern.

Schüler mit ihren Lehrern und der Situation in ihren Klassen meist zufrieden

Motivierte Lehrer sind auch aus Sicht vieler Schüler ein wesentliches Kriterium für eine gute Schule: Drei Viertel der Schüler (75 %) legen Wert darauf, dass Lehrer Spaß an ihrer Arbeit haben. Und 69 % finden es wichtig, dass sich Lehrer ausreichend Zeit für einzelne Schüler nehmen. Mit Blick auf ihren konkreten Schulalltag zeichnen Schüler insgesamt ein erfreulich positives Bild von ihren Lehrern. Alles in allem fühlen sich mehr als sechs von zehn Schülern in Deutschland (61 %) in ihren derzeitigen Klassen wohl.

Lehrer und Eltern halten an mehrgliedrigem Schulsystem fest

Einigkeit legen die befragten Lehrer und Eltern bei der Frage an den Tag, ob auf die Grundschule besser ein mehrgliedriges Schulsystem oder eine Gemeinschaftsschule folgen sollte: 59 % der befragten Pädagogen und 54 % aller Eltern von Schulkindern sprechen sich für die Beibehaltung des mehrgliedrigen Schulsystems aus (Gesamtbevölkerung 51 %). Ein klares Votum!