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Déjà-vu

Charlotte B. Venema: Meine Meinung

Der Philosoph Sloterdijk sieht Social Media als ein Freundschaftskraftwerk für Jedermann. Früher, so Sloterdijk, hatte eine adlige Oberschicht auch deshalb die Macht, weil sie Europa mit einem exklusiven Netzwerk von Kontakten und Beziehungen überzog. Das sicherte ihren Informationsvorsprung und ihre Privilegien. Ähnliches galt für die Handelsbeziehungen der Kaufleute. Menschen kennen, Informationen sammeln und austauschen, neue Wege erkunden und Bedarfe entdecken, von denen die künftigen Kunden noch keine Ahnung hatten. All das funktionierte über ein komplexes Netz von Beziehungen innerhalb einer relativ geschlossenen Gruppe.

Heute kann jedermann sein weltweites Beziehungsnetzwerk aufbauen. Geld spielt dabei kaum noch eine Rolle. Der wichtigste Schritt zur Verbreitung der digitalen Technologien war die nutzerfreundliche Oberfläche. Kein Mensch braucht die technischen Prozesse zu verstehen. Erst das hat den Siegeszug des Internets möglich gemacht.

Haben also Smartphones, IPads, Facebook, Twitter, Youtube und Konsorten unser Leben verändert? Ja, haben sie. Andererseits hält sich die Veränderung in Grenzen. Man kann die ganze Sache auch umgekehrt betrachten. Anfang der 90er Jahre waren die wesentlichen Komponenten des Internets vorhanden. Zum unverzichtbaren Bestandteil unserer Zivilisation wurde die neue Technologie aber erst durch die radikale Anpassung an menschliche Bedürfnisse. Menschen sind soziale Wesen, die miteinander kommunizieren wollen. Es geht um das permanente Austarieren der sozialen Beziehungen, ohne die Menschen einfach nicht existieren können. Früher brauchte man dafür regionale Versammlungsplätze. Die Sache funktionierte nur face to face, oder über Schriftverkehr mit der ­Schneckenpost.

Was macht heute den weitaus umfangreichsten Teil des Internets aus? Soziale Netzwerke mit dem endlosen chit-chat sozialer Interaktionen. Die Inhalte sind genau so tiefschürfend wie die Gespräche auf den Markt­plätzen vergangener Jahrhunderte. Wie geht s? Läuft das Geschäft? Sieh mal, wie toll und erfolgreich ich bin. Wie viele Freunde mich begrüßen. Das machen wir heute auch noch face to face. Wir betreiben aber genau das ­gleiche Spiel auf Facebook, Xing, LinkedIn, Twitter, Google+ und wie sie alle heißen. Bitte nach Belieben ergänzen.

Die Zahl der Marktplätze mit dem Austausch materieller und immaterieller Waren, meist begleitet von kleinen Ablegern der sozialen Netzwerke, ist unendlich. Amazon verkauft nicht nur Bücher, sondern ist gut beraten, auch unendlich viel Meinungsmache, Selbstdarstellung und Interaktion seiner Kunden zu fördern. Wer hat das Buch gelesen? Wer denkt was drüber? Ohne diese  technisch betrachtet  nicht funktionalen Zusatzangebote würde das Geschäft nicht laufen. Es ist ein wirklicher Marktplatz , nicht bloßer Warenaustausch.

Menschen mit ihren Bedürfnissen haben das Internet und die digitalen Medien so lange geformt, bis sie Abbilder längst bekannter Strukturen und Funktionen waren. Und sehr, sehr menschlich. Und so chaotisch wie ein orientalischer Basar. Die Entwicklung geht ständig weiter. Aber sie ist nicht primär von der Technik getrieben. Die unschuldige Technik eröffnet nur immer neue menschliche Spielfelder. Sie werden erschlossen, auf ihren Nutzwert getestet und über kurz oder lang wie selbstverständlich integriert. Nur: Alles funktioniert schneller, billiger, global, jederzeit und (fast) für jedermann. Willkommen auf dem globalen Marktplatz.