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Dichtung und Wahrheit

Charlotte B. Venema: Meine Meinung

Wenn es Menschen gibt, die Talent haben, dann sollte es auch Menschen geben, die kein Talent haben. Alle Bemühungen von HR laufen darauf hinaus, sicherzustellen, dass keiner dieser talentlosen Low-Performer das Bewerbungsverfahren übersteht.

Die aktuellste, im Trend liegende Methode dazu sind Kompetenzmodelle. Sie beschreiben genau, welche Kompetenzen erwünscht sind. Aber genau hier fangen die wirklichen Probleme erst an. Wir suchen innovative, kreative, selbstständige, intrinsisch motivierte Entrepreneure mit ausgeprägter sozialer Kompetenz, belastbar, flexibel und was noch alles. Talente eben. Aber "Talent" ist in Wahrheit ein relativer Begriff. Jeder hat Talent. Manchmal kriegt man einfach nicht raus, für was. Oder man entdeckt, dass das ausgeprägte Talent, ein freizeitorientiertes Leben mit Schwerpunkt Nichtstun zu führen, beim besten Willen nicht mit monetären Unternehmensinteressen in Einklang zu bringen ist, obwohl sich dabei die Persönlichkeit des Arbeitnehmers zu voller Blüte entfaltet. Und leider sind Menschen bei der Darstellung ihrer Fähigkeiten unendlich kreativ. Geschult durch Erfahrung und kluge Personalberater, dichtet man Lebensläufe und Motive in einem kreativem Findungsprozess zu Erfolgsgeschichten um je nach Anforderungen des gerade anvisierten zukünftigen Arbeitgebers.

Also dreht sich alles um die Frage: Wie messen wir Kompetenzen? Kompetenzen sind ein verteufelt komplexes Thema, bei dem immer mindestens mehrere, vermutlich eher unüberschaubar viele Faktoren in vielschichtigen Wechselwirkungen permanent neue Konstellationen ausprobieren. Menschen sind nicht statisch. Viele Ursachen für Leistung oder Versagen liegen nicht im sozialen Umfeld des Arbeitsplatzes, sondern kaum beeinflussbar aus der Perspektive des Arbeitgebers im Privatleben. Es reicht auch nicht aus, dass Potenzial und ­Talent da sind. Menschen müssen fähig und vor allen Dingen willens sein, etwas draus zu machen. Und zwar im Sinne des Unternehmens, nicht nur zur Maximierung der persönlichen Bilanz von Aufwand und Nutzen im Job. Das System, mit dem das alles erfasst und prognostiziert werden kann, wurde noch nicht erfunden.

Also muss man die Menschen gewinnen. Unternehmen möchten Menschen davon überzeugen, dass der Job ihnen jede Chance bietet, die eigenen Potenziale zu entfalten. Schau her, lieber Kandidat, lieber Mitarbeiter, was alles aus dir werden kann, wie glücklich und erfüllt das Leben sein kann! Wir wollen auch niemanden verbiegen oder gar ausbeuten, sondern sorgen uns sogar um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Alles richtig. Aber leider nicht die ganze Wahrheit. Kein Unternehmen hat in Wirklichkeit das Ziel, die Potenziale eines Menschen zu entfalten. Es kann immer nur um die Entfaltung und Entwicklung der Kompetenzen gehen, die gerade in das Profil des Unternehmens passen. Vieles davon bringt Menschen auch persönlich weiter die Person im Beruf ist nicht von der Privatperson zu trennen. Aber das Ziel ist nicht die Persönlichkeit des Arbeitnehmers, sondern seine Funktion im Unternehmen. Ein Unterschied, den Menschen intuitiv erkennen.

Ehrlichkeit und Authentizität sind deshalb kein Luxus, sondern eine Voraussetzung dafür, die lieben Arbeitnehmer ebenfalls für diese Ideen zu gewinnen. Man braucht nicht gleich die ganzen schönen Kompetenzmodelle und trickreichen Messverfahren über Bord zu werfen. Aber bitte nicht übertreiben und immer mit den Füßen auf dem Boden bleiben.