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Ein Hauch von Lächerlichkeit

Charlotte B. Venema: Meine Meinung

Die alltäglichste Auswirkung der Gleichstellung von Frauen ist eine Verkomplizierung der Sprache. Verkomplizierung ist ein grausliches Wort für eine ebenso grausliche Unsitte: Die Verdopplung der Anreden und Gruppenbezeichnungen. Meine lieben Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, Kunden und Kundinnen, Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, Katzenliebhaber und Katzenliebhaberinnen und so weiter und so fort. Liebe Vereinsmitglieder" geht auch nicht, obwohl das Vereinsmitglied" doch ein Neutrum ist. Also: tönt es Liebe Vereinsmitglieder, liebe Vereinsmitgliederinnen". Die Vereinsmitgliedin" wurde zum Glück noch nicht erfunden.

Angeblich haben Sprachwissenschaftler und Sprachwissenschaftlerinnen eindeutig nachgewiesen, dass die Anrede Liebe Mitbürger" eben nicht Männer und Frauen meint, sondern die Männer privilegiert. Und da ist was dran. Sprache ist konservativ. Früher gaben Männer offiziell den Ton an, also brauchte man sich auch nur an sie zu wenden. Heute ist das offiziell anders. Aber muss man deshalb in jedem, aber auch jedem Zusammenhang, der nichts mit Geschlechterrollen zu tun hat und in dem es nicht um eine persönliche Anrede geht, immer und immer wieder deutlich machen, dass es zwei Sorten Menschen gibt? Ohne Rücksicht darauf, ob es gerade um Gemeinsamkeiten oder um Unterschiede geht? Weshalb unterscheiden wir zwischen den Benutzern und Benutzerinnen der Stadtteilbibliothek, die gebeten werden, die Bücher pfleglich zu behandeln? Die direkte persönliche Anrede einer Gruppe ist etwas anderes. Da gehört es sich, meine Damen und Herren zu sagen.

Da die Sprache sich weigert, eine Alternative bereitzustellen, die nicht im Verdacht der Diskriminierung steht, hat die alltägliche Praxis aus reiner Bequemlichkeit eine Zwischenlösung gefunden. Hören Sie mal genauer hin. Immer öfter klingt das so: Liebe Mitbürger und Mitbürger". Manchmal erhält die zweite Anrede noch ein schlampig und kaum hörbar angehängtes n", der Form halber und um guten Willen zu zeigen. Und alle sind zufrieden, wurde der heiligen Sitte der doppelten Anrede doch Genüge getan. Es passiert sogar der Bundeskanzlerin.

Während einer Talkshow hat einmal ein Franzose gestanden, er schäme sich dafür, dass in seiner Sprache das Wort Homme" außer Mann" auch Mensch" bedeute. Da gibt s kaum eine Chance, dem Ärmsten zu helfen.

Wie wär s mit etwas mehr Gelassenheit?

Sprache ist auf mehr als einer Ebene ein Träger differenzierter Botschaften und ein Machtinstrument. Es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede in der Sprache. Dieser Aspekt ist wichtiger, aber auch wesentlich komplexer als die sprachverstümmelnde Forderung, immer und in jedem Zusammenhang zu betonen, dass es Männer und Frauen gibt. Diese Fixierung wertet das Anliegen der Gleichstellung durch einen Hauch von Lächerlichkeit ab. Aber die Kämpfer für Gleichstellung haben bereits den Bürgersteig, das Mitarbeitergespräch, das Täterprofil und einige Pronomina im Visier. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" kann man nicht sagen! Man" geht gar nicht! Auch das Grundgesetz steht in der Kritik: Niemand darf wegen seines Geschlechts bevorzugt oder benachteiligt werden" muss korrekt lauten: Keine/r darf wegen ihres/seines Geschlechtes benachteiligt werden". 1

Wie hat es die deutsche Sprache geschafft, drei ähnliche Gerätschaften wie die Gabel, das Messer und den Löffel mit drei verschiedenen Genera zu versehen? Und warum?