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Flexible Arbeitswelten

Jörg E. Feuchthofen

Teilzeit, Leiharbeit und MiniJobs verändern die Arbeitswelt, während der Anteil unbefristeter Vollzeitstellen wächst. Die Formen von Arbeit werden vielfältiger. Was bedeutet das
für Betriebe und Mitarbeiter?

 

 

Das Ende der Normalarbeitsverhältnisse, die Zunahme prekärer Lebenslagen, Flexibilisierung und Mobilisierung von Arbeit, kreative Ökonomie, Wissensgesellschaft: So werden einige meist düstere Veränderungen umschrieben, die in der Diskussion über die Zukunft der Arbeit für Entgrenzung und das Ende von Verlässlichkeit stehen sollen. Die Bertelsmann-Stiftung hat daher 2013 eine 20-köpfige Expertenkommission "Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland" berufen, die sich mit den aktuellen Herausforderungen der modernen Arbeitswelt und ihren Einflüssen auf die Gesellschaft befassen soll. Sie wird bis Ende des Jahres Handlungsempfehlungen für Politik und Gesellschaft formulieren und öffentlich diskutieren. Die Mitglieder der Kommission stammen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Darunter sind auch Vertreter der Tarifparteien.

Im Auftrag der Kommission haben Werner Eichhorst, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), und Verena Tobsch, E x AKT Empirische und aktuelle Wirtschaftsforschung, Mitte Januar 2014 einen Bericht zum Thema "Flexible Arbeitswelten" vorgelegt.

In jüngster Vergangenheit wird vermehrt über eine Entgrenzung der Arbeitswelt und deren mögliche negative Wirkungen auf die Erwerbstätigen diskutiert. Dies gilt für das Wachstum so genannter atypischer Arbeitsverhältnisse auf der einen und die stärkere Durchdringung von Arbeit und Freizeit auf der anderen Seite. Wie ist diese wachsende Flexibilität der Arbeit empirisch zu bewerten?

Der Bericht belegt, dass die Liberalisierung flexibler oder atypischer Beschäftigungsformen in Deutschland zu einem Zuwachs an Arbeitsplätzen beigetragen hat. Zeitarbeit und Minijobs, aber auch befristete und selbstständige Tätigkeiten sind in bestimmten Teilbereichen des Dienstleistungssektors besonders stark vertreten. Gleichzeitig ist eine Stabilität der so genannten Normal­arbeitsverhältnisse, also unbefristeter Vollzeitarbeit, feststellbar sowohl im industriellen Sektor als auch in vielen Dienstleistungsberufen. Teilweise verbirgt sich dahinter eine verstärkte Arbeitsteilung zwischen den Unternehmen über Zuliefernetzwerke und Werkverträge.

In den 2000er Jahren wurden die stabilen Beschäftigungsverhältnisse laut Bericht im Großen und Ganzen ergänzt und weniger verdrängt. Daneben nahm die innerbetriebliche Flexibilität zu, wovon auch die Erwerbstätigen in stabilen Arbeitsverhältnissen berührt sind. Dies gilt für flexiblere Formen der Entlohnung und Arbeitsorganisation ebenso wie für flexiblere, teilweise auch ungewöhnliche Arbeitszeiten. Begünstigt durch technologische Entwicklungen, nahmen mobiles Arbeiten und die Erreichbarkeit außerhalb der üblichen Arbeitszeiten für bestimmte Berufsgruppen und Führungskräfte zu. Gleichzeitig gibt es Anzeichen für eine zunehmende Arbeitsverdichtung.

Für die Zukunft erwartet der Bericht eine weitere Flexibilisierung der Arbeitswelt, vorangetrieben insbesondere durch sektoralen Wandel, technologische Innovationen und einen immer globaleren Wettbewerb in vielen Bereichen der Wirtschaft. Damit werden auch in einem flexiblen institutionellen Rahmen die Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse das Angebot von und die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen stärker widerspiegeln. Risiken verlagern sich damit mehr auf die Individuen. Im Zuge des demografisch bedingten Fachkräftemangels werden die Unternehmen für begehrte Fachkräfte mehr Anstrengungen unternehmen, um attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten und den Präferenzen der Beschäftigten zu entsprechen.

Empirische Daten zeigen, dass die Arbeitszufriedenheit in Deutschland insgesamt nicht zurückgegangen ist trotz der Umwälzungen am Arbeitsmarkt und in der betrieblichen Arbeitswelt. Aus der wachsenden Vielfalt und Flexibilität ergeben sich neue Möglichkeiten, Familie, Privatleben und Beruf zu vereinbaren. Gleichzeitig jedoch werden psychische Beschwerden stärker den Veränderungen in der Arbeitswelt zugeschrieben. Die Forschung zeigt, dass selbstgestaltbare Arbeitszeiten und Arbeitsabläufe, also Autonomie und Eigenverantwortung, in Verbindung mit guten sozialen Beziehungen und klaren Erwartungen am Arbeitsplatz zu höherer Arbeitszufriedenheit beitragen. Dies kann jedoch auch zu Situationen der Überlastung führen.

Die weitere Entwicklung des flexiblen Arbeitens hängt davon ab, welche gestaltenden Schritte die verschiedenen Akteure ergreifen. Dabei unterscheidet der Bericht zwischen Politik, betrieblicher Ebene, Sozialpartnern und Individuen. Die Politik steht vor der Herausforderung, dafür zu sorgen, dass der Arbeitsmarkt flexibel bleibt und sich dynamisch an gesellschaftliche wie ökonomische Veränderungen anpassen kann, und dass gleichzeitig die Regelungen für verschiedene Erwerbsformen nicht zu sehr divergieren. Dies spricht für eine Überprüfung und Anpassung der Regeln, die am Rand des Arbeitsmarktes gelten. Daneben steht auch der Arbeits- und Gesundheitsschutz vor der Aufgabe, den gewandelten Anforderungen der flexibleren Arbeitswelt gerecht zu werden.

Zentrale Entwicklungen der Arbeitswelt werden auf der Ebene der Unternehmen gestaltet. Die Unternehmen werden in Zukunft bei knapper werdenden Fachkräften, längeren Erwerbsbiographien und wachsenden Anforderungen an Innovation und Wettbewerbsfähigkeit versuchen müssen, attraktive Arbeitsbedingungen mit flexiblen, produktiven und auf Dauer tragfähigen Organisationsformen zu verbinden. Das hat unmittelbare Folgen für Personalpolitik, Arbeitsorganisation, Führung und Kooperation in den Unternehmen, aber auch im Verhältnis zu externen Partnern. Zentral sind die Vereinbarkeit von individuellen und betrieblichen Anforderungen sowie die Vermeidung von Überlastungssituationen und frühzeitigem Verschleiß.

Weiterbildung und betriebliche Gesundheitspolitik werden an Bedeutung gewinnen. Hier weist der Bericht den Betriebsräten und Sozialpartnern auf der Ebene von Branchen oder Regionen eine wichtigere Rolle zu, etwa neben den Vereinbarungen zu den Arbeitsbedingungen, wie sie traditionell in den Kernbereichen der Wirtschaft in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen niedergelegt sind. Schließlich wachsen auch die Anforderungen an jeden Einzelnen, sich in der Arbeitswelt der Zukunft erfolgreich zu behaupten. Dies gilt insbesondere für die individuelle Fähigkeit, mit den Möglichkeiten und Zumutungen einer offenen und flexibleren Arbeitswelt umzugehen, Eigeninitiative zu entwickeln, (Selbst-)Überforderung zu vermeiden und in den neuen Strukturen die eigenen Grenzen und Präferenzen zu artikulieren.

In seiner Empfehlung mahnt der Bericht Vorsicht und Augenmaß bei künftigen Regelungen im Arbeitsmarkt an. Standards und Grenzen seien nur dann tragfähig, wenn sie nicht die Flexibilität der Unternehmen über Gebühr beschneiden. Käme es zu massiven staatlichen Eingriffen, etwa bei Mindestlöhnen und atypischer Beschäftigung, würden die beschäftigungspolitischen Erfolge der vergangenen Jahre gefährdet. Die Agenda 2020 lässt grüßen!