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Lehrkräfte am Limit

Jörg E. Feuchthofen

Seit der Teilnahme an internationalen Bildungsstudien, aber auch durch ­politisch ­forcierte Veränderungen steht das deutsche Bildungswesen unter Reformdruck. Selten wird dabei die Frage gestellt, wie die Lehrenden in der Praxis mit den Ver­änderungen von Zielen, Strukturen und Inhalten umgehen ob in ­Schule, Ausbildung, Studium oder Weiterbildung. Ein Forschungsprojekt der Berliner ­Humboldt-Universität im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung hat die Bildungsarbeiter" ins Zentrum einer ­entsprechenden Untersuchung gestellt.

 

Bildungspolitik hat wieder Konjunktur in Deutschland, spätestens seit dem Pisa-Schock" von 2001 und seit mit den Erklärungen von Bologna und Lissabon ein europäischer Angleichungsprozess bei beruflicher und hochschulischer Bildung in Gang kam. Weitgehend Einigkeit besteht über den Nachholbedarf des deutschen Bildungssystems, gemessen am Status von 2000: an heutige Erfordernisse angepasste Lehrpläne, moderne Unterrichtsmethoden und ein zeitgemäßes Management der Bildungsinstitute. Diese Anforderungen zieht kaum jemand (mehr) in Zweifel. Schon kontroverser ­verlief und verläuft die Debatte über die richtigen Wege, wie diese Ziele zu erreichen sind. Die Bildungslandschaft hat sich innerhalb eines guten Jahrzehnts über alle ­Bildungssektoren hinweg massiv verändert.

Erstaunlich ist, dass dabei fast nur die Adressaten der Bildung unter Beobachtung standen. Wie sich Schülerzahlen und schulische Leistungen, Studiendauern und Absolventenquoten verändert haben, ist ziemlich genau bekannt. Vergleichbares gilt für das Ergebnis der ­Umstellung des Hochschulstudiums auf Bachelor und Master. Auch der im internationalen Vergleich ­allenfalls stiefmütterliche Umgang mit der frühkindlichen Bildung ist eine ­erkannte Reformbaustelle. Was aber während der Reformzeit von immerhin 13 Jahren mit den Akteuren an vorderster Front geschehen ist, mit den Erziehern, Lehrern, Ausbildern, Dozenten und Professoren, blieb hingegen bisher weitgehend im Dunklen.

Dienstleister Bildung

Für die Berliner Soziologie-Professorin Karin Lohr an der Humboldt-Universität war dies ein Grund, die Veränderungen unter die Lupe zu nehmen, die Bildungsarbeiter" im Prozess der Bildungsreform erlebt haben. Schon die potenzielle Größe der Untersuchungspopulation war dafür Motivation. Allein an den allgemeinbildenden Schulen und Hochschulen in Deutschland sind eine runde Million Menschen mit Lehraufgaben beschäftigt. Dazu kommen mehr als hunderttausend Lehrkräfte in Unternehmen, an Privatschulen und Weiterbildungseinrichtungen.

Lohrs Interesse wurde aber nicht nur durch die große Zahl Betroffener geweckt, sondern vor allem durch die Erwartung, dass die Umbrüche im Bildungssektor die Arbeitsbedingungen und -erfahrungen des Lehrpersonals spürbar verändert haben müssten bzw. sollten.

Zwei Ausgangspunkte hat das Forschungsprojekt fokussiert: erstens die flächendeckend erhobene Forderung nach mehr Selbstverantwortung und Effizienz im Bildungsbereich. Schulen und Hochschulen sollen so der Generalnenner nicht mehr von der Kultusverwaltung gelenkt werden, sondern sich mit modernen Managementmethoden in Anlehnung an moderne Prozesse und Strukturen in der Wirtschaft selbst steuern. Sie sollen das kostenbewusst und ergebnisorientiert tun. Das heißt auch: Sie sollen mit Kennziffern und Indikatoren Rechenschaft ablegen, welche Mittel sie eingesetzt und welche Ergebnisse sie erzielt haben.

Der zweite Ausgangspunkt steht in offenkundiger Spannung dazu: Bildungsarbeit ist immer auch hochgradig subjektivierte" Arbeit. Lehrende müssen Bildungsziele und Lehrplaninhalte stets individuell an die Menschen anpassen, mit denen sie es zu tun haben. Sie müssen variabel, einfühlsam und persönlichkeitsgerecht mit ihren Klienten umgehen, wenn sie ihre pädagogischen Ziele erreichen wollen. Ökonomische Effizienzforderungen könnten so die Hypothese des Forscherteams  aber gerade eine Entsubjektivierung" bewirken. Wird sich jemand nicht über kurz oder lang von einem humanistischen Arbeitsethos verabschieden, wenn er nach vorgegebenen Messzahlen und Leistungsindikatoren rechenschaftspflichtig ist? Für viele Lehrende, denen diese traditionelle pädagogische Orientierung ein echtes Anliegen ist, würde das nicht ohne Folgen bleiben sei es Frust und Rückzug aus dem Engagement, sei es Ärger und Aufbegehren oder auch nur Unverständnis, etwa mangels adäquater Qualifikation im Sinne einer Umstellung.

Mit dieser Ausgangsfrage hat das Projektteam der Humboldt-Universität fast drei Jahre lang in zahlreichen Schulen, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen Fallstudien durchgeführt und mehr als 80 ausführliche Interviews ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass der Umbruch der Bildungsarbeit" in den verschiedenen Sektoren unterschiedlich weit vorangeschritten ist.

Reform als Zusatzbelastung?

Von ausgeprägt ökonomischem Denken und einer strikten Effizienzorientierung kann nach den empirischen Befunden in den Schulen noch kaum die Rede sein. Trotzdem sind sie heute beileibe kein Hort harmonischer und kollegialer Arbeitserfahrungen für die Lehrkräfte. Spürbar wurde der neue Wind zuallererst bei den Schulleitungen: Hier findet man vermehrt Leiter, die ihre Rolle neu definieren und sich nicht mehr als der frühere Primus inter pares", sondern offensiv als Schulmanager verstehen. Wo es das länderspezifische Schulrecht schon erlaubt, machen manche Schulleiter vor allem von ihren neuen Freiheiten und Weisungsbefugnissen in der Personalpolitik Gebrauch.

Auch viele fest angestellte und beamtete Lehrkräfte klagen über Klimaverschlechterungen und steigende Arbeitsbelastung. Sie beklagen nicht nur höhere zusätzliche Anforderungen, die sie von oben" aufgedrückt bekämen, zum Beispiel durch zentrale Prüfungen und Schulleistungsmessungen, sondern auch Pflicht, an der Formulierung von Schulprogrammen oder der öffentlichen Profilbildung ihrer Schule mitzuwirken. Ein nicht zu unterschätzender Belastungsfaktor sind inzwischen auch Eltern (und zuweilen Schüler selbst), die ihre eigenen Vorstellungen vom Dienstleistungsunternehmen Schule" haben und vermehrt spezielle Serviceleistungen für ihre Sprösslinge höchstpersönlich beim Lehrer oder Schulleiter einfordern. Die Hemmschwelle für förmliche Beschwerden, bis hin zur Schulaufsicht ist dabei deutlich gesunken.

In den Hochschulen ist der Ökonomisierungsprozess bereits weiter fortgeschritten. Elemente der kontinuierlichen Leistungsmessung und Rechenschaftslegung sind vielfach schon in den Arbeitsalltag der Lehrkräfte fest integriert. Dass Hochschulen und Fakultäten ihre Ziele in Entwicklungsplänen und Leitbildern ausformulieren müssen, dass Einrichtungen und Beschäftigte Zielvereinbarungen schließen, eigene Budgets aufstellen, Rechenschaftsberichte abliefern, einen Teil ihrer Finanzen über komplexe Formeln zur leistungsbasierten Mittelvergabe zugewiesen bekommen all dies ist in den akademischen Institutionen weitgehend gang und gäbe.

Die Mitarbeiter spüren das deutlich an ihrer zeitlichen Belastung und als beklagten Energieverlust", der nicht selten auch gegen ihren ausdrücklichen Willen und dann auf Kosten ihres pädagogischen Engagements in der Lehre geht. Jüngere Hochschulangehörige, die vor allem ihre Qualifizierung und ihre wissenschaftliche Laufbahn im Auge haben (müssen), erleben die konkurrierenden Anforderungen aus der Kür" der eigenen Forschung und der Pflicht" bei Lehre und Rechenschaftslegung, zuweilen als offenen Konflikt.

Geschürt wird die Problematik merklich durch die Studienreform mit einer größeren Verregelung und Bürokratisierung der Studiengänge. Viele Lehrende empfinden die Standardisierung nicht nur als Zusatzbelastung, weil sie einen festgelegten Kanon von Lehrangeboten sicherstellen müssen. Sie fühlen sich auch herausgefordert durch eine neue Mentalität bei den Studierenden, denen das Denken in Leistungsnachweisen und Credits" zwangsläufig schnell(er) in Fleisch und Blut übergegangen ist und die weniger danach fragen, was sie von einem Dozenten lernen können, sondern danach, ob er den Zugang zu Leistungspunkten und obligatorischen Lernmodulen möglichst servicefreundlich" organisiert.

Prekäre Arbeit in der Weiterbildung?

Im Bereich der Weiterbildung hat das Forscherteam die deutlichsten Ausprägungen einer ökonomisch ausgerichteten und von Effizienzkriterien gesteuerten Bildungsarbeit" gefunden. Viele Bildungsträger in diesem Sektor sind seit jeher privatwirtschaftliche Unternehmen, manche unter ihnen sogar Großunternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten. Trotzdem erscheint es den Forschern der Humboldt-Universität auch hier gerechtfertigt, von einem Umbruch" zu sprechen. Dieser wird auf den Umstand zurückgeführt, dass viele Weiterbildungsanbieter von der Arbeitsagentur abhängen, die die Maßnahmen in der Regel finanziert. Im Zuge der Hartz-Reformen wurden die Förderbedingungen grundlegend verändert  mit dem Ergebnis, dass Bildungsträger mit öffentlicher Förderung heute in einem scharfen Preiswettbewerb stehen, nachprüfbaren Qualitätsmanagement- und Controllingprinzipien verpflichtet sind und ihre Geschäftsprozesse nach diesen Maßgaben optimieren müssen.

In der Wahrnehmung der Weiterbildungsdozenten hat dieser Umbruch zu einer deutlichen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen geführt, berichtet die Studie. Beklagt wird vor allem ein Anstieg der Beschäftigungsunsicherheit. Die Bildungsanbieter können mit öffentlich finanzierten Aufträgen nicht langfristig kalkulieren; sie reagieren dementsprechend mit einer möglichst großen Flexibilisierung ihres eigenen Arbeitskräftereservoirs. Die Folge: Festanstellungen sind rückläufig, die Beschäftigung von befristeten und Honorarkräften nimmt zu. Viele Dozenten sind inzwischen Freiberufler, die ihr Geld durch stundenweise bezahlte Lehraufträge verdienen. Flankiert wird die Flexibilisierung durch ein striktes Controlling und eine harte Kennziffernsteuerung, mit denen die Zentralen der großen Anbieter ihre Niederlassungen managen.

Fazit: Schatten ohne Licht?

Der intensive Blick auf die Veränderungen der Bildungsarbeit in den letzten Jahren hat differenzierte, in mancher Hinsicht auch besorgniserregende Ergebnisse zutage gefördert. Unter den harten" Faktoren der materiellen Beschäftigungsbedingungen am Markantesten ist wohl die Erkenntnis, wie weit die Befristung" der Bildungsarbeit ­fortgeschritten ist: Hier trifft es nicht mehr nur den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Hochschulen, der schon seit geraumer Zeit mit Befristungen lebt, sondern auch Lehrer an den Schulen, die nur mit kurzfristigen Zeitverträgen oder in Teilzeitarbeit mit wenigen ­Wochenstunden beschäftigt werden. Bei den Dozenten in Weiterbildungseinrichtungen spricht die Studie ­sogar von einer häufigen Spaltung in eine kleine Stammbelegschaft" und eine vielköpfige Randbelegschaft".

Bei den weichen" Faktoren des alltäglichen Arbeitserlebens, der Zufriedenheit mit der und Motiviertheit für die Arbeit lässt sich feststellen, dass reformgewolltes Effizienzdenken noch keineswegs flächendeckend Einzug gehalten hat, vor allem nicht in den Schulen. Aber die Forscher kritisieren Erosionsprozesse, wenn man Bildungsarbeit vom Subjektbezug und der ethischen Verpflichtung pädagogischen Handelns her denke". Befürchtet wird eine Entsubjektivierung" durch Standardisierung, Modularisierung, Evaluierbarkeit und Rechenschaftspflichten. Hier stimmt allerdings nachdenklich, dass die Studie allzu schnell in ihren Prämissen auf die Traditionalisten eingeht. Wesentlich neue Erkenntnisse der grenzüberschreitenden Bildungsempirie hier insbesondere der hohe Subjetnutzen des individualisierten und eben nicht mehr traditionell standardisierten Lehrens und Lernens oder auch die moderne Kompetenzdiskussion statt der einseitigen Dominanz von Bildungsinhalten bleiben außen vor.

Bisher noch nicht so klar abgezeichnet hat sich dagegen der interessante Befund, dass es zunehmend die Klienten des Bildungssystems selbst sind Eltern und Lernende  , die den neuen Wind im Bildungssektor aufgesogen haben und nun ihrerseits dazu beitragen, den Umbruch zu beschleunigen. So etwas nennt man Interaktion, auch wenn der Wechsel vom gruppenbezogenen Objekt zum echten Subjekt des Lehrens und Lernens nun einmal unbequem sein mag.

Bedauerlich ist, dass die Studie der Humboldt Universität Veränderungen in der betrieblichen Bildung fast gänzlich ausklammert. Dabei wäre ein entsprechender Blick in die dortige Praxis für die Forscher recht lehrreich gewesen, was die unterstellte Funktionalität unternehmerischen Denkens und Handelns  auch in der Bildung  betrifft. So bleibt der Traum einer weitgehenden Zweckfreiheit von Bildung" leider auch bei dieser Studie immer noch ein unterstelltes Ideal. Das Einhorn lässt ­grüßen.