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Macht paradox

Charlotte B. Venema: Meine Meinung

 

Über Macht redet man nicht, man hat sie oder auch nicht. Machtstrukturen sind die konstanteste Konstante jeder menschlichen Gesellschaft und jedes Unternehmens. Macht ist in der Regel kein Thema, über das in der Wirtschaft offen gesprochen wird. Nun gut, gelegentlich wird jemand mehr oder weniger überraschend "abgesägt" oder "einen Kopf kürzer gemacht", oder er tritt aus rein privaten Gründen von seinem Posten zurück. Die privaten Gründe stehen dabei als Synonym für "wir möchten nicht darüber reden", was jeder sofort versteht, denn: siehe oben. Das klärt aber nur die Frage, wer aktuell die Macht hat. Es beantwortet nicht, wie Macht verteilt, ausgeübt und kontrolliert wird. Und auch nicht, was Macht eigentlich ist.

Der Bundesverband der Personalmanager hat deshalb einen mutigen Schritt getan, als er Macht zum Thema seines Jahreskongresses erklärte. Macht und Personaler: Fällt einem da nicht spontan das Wort Machtlosigkeit ein? Personaler tragen die Forderung, doch bitte mal, endlich und verdientermaßen, in die erste Reihe der Machtelite im Unternehmen aufgenommen zu werden, wie eine Fahne vor sich her. So wird das nie was. Aber das Thema auf die Agenda zu setzen und über Machtstrukturen nachzudenken, war eine gute Idee. Und es hielt die Personalmanager wenigsten eine zeitlang davon ab, den Nutzen ihrer geliebten Tools zu beweisen.

Zwei Keynotes wendeten sich der "dunklen" Seite der Macht zu. Hans Leyendecker, dessen investigativer Journalismus das Machterlebnis einiger Politiker getrübt haben dürfte und Walter Kohl, dessen Familiengeschichte von einem Machtmenschen dominiert wurde und der trotzdem nicht in dessen Schatten hocken geblieben ist.

Macht wird also am ehesten da vermutet, wo sie sich am lautesten manifestiert: in der Politik und in letzter Konsequenz in der militärischen Auseinandersetzung. Im Unternehmen wäre das der Chef, der mal auf den Tisch haut und allen zeigt, wo der Hammer hängt, ein paar Posten neu vergibt und das Weihnachtsgeld streicht. Dabei rumpelt es eigentlich nur dann, wenn Macht in Frage gestellt wird. Die harten Aktionen sind eher ein Zeichen momentaner Schwäche als wirklicher Stärke. Wenn Macht oder mit anderen Worten der Führungsanspruch akzeptiert wird, ist nicht die geringste Machtdemonstration erforderlich. Die mächtigsten Führungsinstrumente sind Konsens und Vertrauen. Druck und Drohung funktionieren auch leidlich, aber sie zeigen gleichzeitig, dass die Machtverhältnisse weder geklärt noch akzeptiert sind.

Das ist das Paradoxe an der Sache. Macht ist eher dort vorhanden, wo "zivile" Methoden wie Überzeugung, freiwilliges Commitment und Kooperation den Ton angeben und alle einigermaßen in die gleiche Richtung marschieren, weil sie sich führen lassen (wollen) und das Ziel für erstrebenswert halten. Aber da schauen wir nicht hin, wenn wir über Macht reden. Das macht ja nichts her. Doch es sind gerade die leisen und unspektakulären Formen der Macht, die keine Energie verschwenden und uns ab und zu mal ein kleines Stückchen voranbringen.