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Sein und Schein

Charlotte B. Venema: Meine Meinung

Die duale Berufsausbildung erlebt gerade einen rasanten Aufstieg. Sie gilt plötzlich in Europa als neue Waffe gegen Jugendarbeitslosigkeit. Das Bundesbildungsministerium schließt Berufsbildungsabkommen mit Spanien, Griechenland, Italien und Portugal, die Europäische Kommission ruft gemeinsam mit der litauischen Ratspräsidentschaft und den Sozialpartnern eine Ausbildungsallianz aus, die internationale Arbeitgeberorganisation IOE gründet mit der OECD ein "Global Apprenticeships Network". Bei dieser Entschlossenheit und Tatkraft bleibt zu hoffen, dass sich die ganzen Initiativen nicht gegenseitig auf die Füße treten. Auch dieses Problem wurde bereits erkannt. Ein Strategiepapier der Bundesregierung beschreibt "Das duale System der beruflichen Bildung als Referenzmodell in Europa und der Welt" und verweist auf eine Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation im BIBB.

Endlich, endlich erkennen Europa und weitere Teile des Globus den Wert dualer Konzepte in der Berufsausbildung. Das müsste altgedienten Kämpfern für die duale Berufsausbildung eigentlich Tränen der Rührung in die Augen treiben. Haben sie nicht durch alle konjunkturellen Hochs und Tiefs mit Ausbildungspakten, Ausbildungsappellen, Unternehmensbesuchen und Plakatkampagnen für den Erhalt dieses wertvollen, in Teilen Mitteleuropas endemisch vorkommenden Kleinods gekämpft?

Leider hat die Sache mal wieder einen Haken. Die gleichen Politiker, die gerade die duale Berufsausbildung feiern, verfolgen eine Bildungspolitik, die über kurz oder lang zur Marginalisierung der dualen beruflichen Ausbildung führen wird. So beliebt, wie sie angesichts der unbestreitbaren Erfolge in der Prophylaxe gegen Jugendarbeitslosigkeit sein sollte, ist sie bei Jugendlichen nicht. Mit dem verständlichen Ziel, in der Bildungshierarchie möglichst weit aufzusteigen und auf keinen Fall in einer Sackgasse zu landen, beginnen jedes Jahr mehr junge Menschen ein Hochschulstudium. Dies hat Rückwirkungen auf die Bildungskarrieren. Wer den Weg zur Hochschulreife nicht über das Abitur schafft, versucht es auf anderen schulischen Wegen. Berufsfachschule, Assistentenausbildung, Fachoberschule und berufliches Gymnasium stehen in unmittelbarer Konkurrenz zur dualen Berufsausbildung. Oft geht das schief, die Studienabbrecherquoten liegen in einzelnen Fachrichtungen bei bis zu 50 %. Eine kluge und vorausschauende Bildungspolitik könnte hier gegensteuern. Dies würde die drastische Reduktion schulischer Parallelangebote erfordern. Das wäre allerdings ausgesprochen unpopulär. So sehr lieben Bildungspolitiker die duale Ausbildung dann doch nicht.

Also geht den Unternehmen nach und nach das obere Drittel der potentiellen Bewerber verloren. Warum nicht gleich einen Bachelor nehmen? Und so holt Deutschland in der Akademikerquote langsam auf, was sich politisch als bessere Qualifizierung verkaufen lässt. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, solange dabei Profile entstehen, für die es auf dem Arbeitsmarkt eine Nachfrage gibt. Die Lösung liegt also nicht darin, den Zugang zu den Hochschulen wieder zu erschweren. Die Lösung liegt in der laut und lange postulierten Gleichwertigkeit schulischer, akademischer und beruflicher Bildung, insbesondere bei der Frage des Hochschulzugangs.

Deutschland liegt beim Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte im internationalen Vergleich weit abgeschlagen zurück. Obwohl rechtlich möglich, spielt dieser Zugangsweg faktisch kaum eine Rolle. Solange das so bleibt, werden Jugendliche die vermeintlich vielversprechenderen akademischen Wege ins Berufsleben bevorzugen. Das ist scheinheilige Bildungspolitik.