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Über ungerecht Verteilte Intelligenz

Harald Martenstein

 

Diese Kolumne widme ich Dr. Koloman Fritsch sowie dem 2014 gestorbenen Schauspieler Robin Williams und seinem Film Der Club der toten Dichter. Ich habe mich mit einer Deutschlehrerin unterhalten. Die Deutschlehrerin sagte, dass an ihrer Schule, einem Gymnasium, in der Oberstufe hauptsächlich Brecht gelesen wird. Zugunsten von Bertolt Brecht habe man Goethe weitgehend ­fallen gelassen. Fack ju Göhte. Begründet werde diese Bildungsreform mit dem Argument, dass Brecht "näher an der Lebenswirklichkeit der Schüler" sei.

Die Frage, ob diese Einschätzung stimmt, lasse ich mal beiseite. Ich will auch nichts gegen die Lektüre der Dreigroschenoper sagen. Ich finde nur das Auswahlkriterium irre. Wenn man in der Schule bevorzugt Stoffe behandeln soll, die nahe an der Lebenswirklichkeit der Schüler sind, dann empfehle ich für den Deutschunterricht das Computerspiel World of Warcraft sowie das Buch Die besten Flirt-Tipps für Jungs und Mädchen. Nach einer WM könnte man im Leistungskurs Deutsch gemeinsam die Tattoos der Fußballer lesen und interpretieren. Da kann in puncto Lebenswirklichkeit auch Brecht nicht mithalten. Ich dachte immer, bei "Bildung" gehe es darum, den Horizont der Schüler zu erweitern, nicht darum, ihren Horizont widerzuspiegeln. Dabei ist es natürlich ein gutes Rezept, an der Lebenswirklichkeit der Schüler anzuknüpfen. So macht es Robin Williams als Lehrer in dem Schulfilm Der Club der toten Dichter. Ein reaktionärer Film, Beweis: Unter anderem geht es um Shakespeare.

Ich werde jetzt ein Tabu brechen und mir Feinde machen. Als Beweis für die Ungerechtigkeit unseres Bildungssystems wird immer angeführt, dass die Elternhäuser beim Bildungserfolg eine große Rolle spielen. Immer noch machen mehr Professorenkinder Abitur als Kinder aus Arbeiterfamilien. Ich frage mich, ob Professorinnen und Professoren im Durchschnitt intelligenter sind als Arbeiter. Zweifellos gibt es Arbeiter, die intelligenter sind als die meisten Professoren. Aber im Durchschnitt wird wohl ein Zusammenhang zwischen einer akademischen oder anderweitig intellektuellen Karriere und der Intelligenz bestehen, alles andere wäre sonderbar. Die nächste, noch brisantere Frage: Ist Intelligenz vererbbar? Da empfehle ich das neueste Buch von Dieter E. Zimmer, Ist Intelligenz erblich? Offenbar gibt es keinen einzigen Intelligenzforscher, egal, wo er oder sie politisch steht, der eine hohe Erblichkeit der Intelligenz bestreitet im Durchschnitt. Der einzelne Mensch kann durchaus klüger oder weniger klug sein als seine Eltern. Goethes Sohn zum Beispiel scheint keine Leuchte gewesen zu sein.

Stimmt beides? Hängt Erfolg auch mit Intelligenz zusammen, und ist Intelligenz zum Teil erblich? Falls dem so ist, dann kommt bei einem gerechten Bildungssystem am Ende heraus, dass die Kinder der Erfolgreichen im Durchschnitt etwas besser abschneiden als die Kinder der weniger Erfolgreichen. Ich möchte ungern so verstanden werden, als sei ich gegen die Förderung von Kindern, die keine idealen Startbedingungen haben. Ich selber war so ein Kind. Dass ich heute Kolumnen schreibe, verdanke ich vor allem meiner Schule und meinem Deutschlehrer, Dr. Fritsch. Es war zum Glück nicht immer einfach.

Wenn die Bildungsstatistik exakt der Sozialstruktur der Gesellschaft entsprechen soll, hilft nur eines: Das Bildungssystem muss ungerechter werden. Daran wird gearbeitet. Ein Baustein besteht darin, dass der Schulstoff der "Lebenswirklichkeit" der Kinder entsprechen soll.

Nachdruck des Beitrags aus dem ZEIT Magazin Nr. 36/2014 v. 16.09.2014 mit freundlicher Genehmigung des ZEIT Verlages