Startseite | Service-AGB-Datenschutz-Versandkosten | Mediainformationen | Autoreninfos | Impressum

W&B gehört seit 1948 zu den renommiertesten Fachzeitschriften der Beruflichen Bildung!

Wasch mir den Pelz...

Die Integration Behinderter in Beruf und Gesellschaft wird durch das Grundgesetz geboten und gesichert. Trotzdem hat die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 eine neue Diskussion im Land ausgelöst. Als Reizwort für die intensivste Form der Integration hat sich der Begriff der Inklusion etabliert. Alle sind im Prinzip dafür. Doch die Konsequenzen wären vielfältig.

Jörg E. Feuchthofen

 
Eine gute Integration Behinderter war im Deutschland der Nachkriegszeit kein Reizthema. Eine umfassende Verpflichtung enthält das Grundgesetz mit seinen Freiheits- und Partizipationsrechten. Aufgrund der schweren Verbrechen im 3. Reich Stichwort Euthanasie-Programme war das ein besonderes Anliegen des Verfassungsgebers.

Zahlreiche gesetzliche Ausformungen haben das Integrationsgebot des Grundgesetzes konsequent umgesetzt. Hinzu kamen und kommen erhebliche Finanzmittel, die der Staat in Bund und Ländern für Institutionen und begleitende Programme bereit stellt. Insoweit erscheint Deutschland auf diesem Gebiet im internationalen Vergleich gut aufgestellt.

Die UN-Behindertenrechtskonvention

Seit Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in 2008 hat sich das geändert. Ziel des Übereinkommens ist es, die Chancengleichheit behinderter Menschen zu fördern. Eine Diskriminierung in der Gesellschaft soll unterbunden werden. Dabei soll stärker als bisher das kritische Potenzial der Menschenrechte gegen unfreiwillige Ausgrenzungen aus Gemeinschaften und der Gesellschaft entfaltet werden . Schön und gut, aber was ist daran anders als die Rechte aus dem Grundgesetz?

Die allgemeinen Grundsätze der UN-Konvention im Artikel 3 geben noch keine Hinweise auf verschobene oder verschärfte Akzente. Deutlich wird das erst an zwei anderen zentralen Stellen:

Zum einen ist der Behinderungsbegriff der Konvention weiter gefasst. Das betrifft sowohl die Definition als auch die daraus folgenden Ansprüche an die Gesellschaft: Behinderung ist danach jede Form körperlicher, seelischer oder geistiger Sinnesbeeinträchtigung. Sie wird als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht und darüber hinaus im Sinne einer Vielfalt (Diversität) als Quelle möglicher kultureller Bereicherung wertgeschätzt .

Zum anderen will die UN-Konvention auf dieser Grundlage Behinderte davon befreien, sich selbst als defizitär sehen zu müssen . Sie will die Gesellschaft von ihrer Gesundheits- und Normalitätsfixierung abbringen. Denn diese dränge alle diejenigen an der Rand, die den Imperativen von Fitness, Jugendlichkeit und permanenter Leistungsfähigkeit nicht Genüge tun (können) .

Damit geht die Konvention über das Grundgesetz hinaus. Aus einem Anspruch auf Teilhabe als Ausgleich von Nachteilen wird ein Anspruch auf gesellschaftliche Normalität als Gleichheit von Behinderung und Nichtbehinderung. Nicht mehr adäquate, sondern vollumfassende und ausnahmslose Teilhabe ist das Gebot. Aus Integration wird eine weitgehende Inklusion, aus einem Teilhaberecht ein uneingeschränkter Teilnahmeanspruch. Der daraus folgende Gleichheitsanspruch ist erheblich.

Ruf nach inklusiver Bildung

Die Stärkung des Gleichheitsanspruchs durch die UN-Konvention hat in Deutschland, wenn auch zeitlich verspätet, viele Bereiche der Gesellschaft erreicht. Besonders deutlich wird dies im Ruf nach inklusiver Bildung .
Dabei werden die Maßstäbe, die sich nach bisheriger Praxis aus der differenzierten Art und dem Grad der Behinderung ergeben, hinter das Ziel der Vollinklusion zurückgestellt. Ein Anspruch oder Paradigmenwechsel, der noch unübersehbare Konsequenzen hätte:

In Deutschland gibt es traditionell ein ausgebautes System an Förderschulen, die früheren Sonderschulen. Inklusiv unterrichtet werden nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2010 lediglich 20 % der Schüler. Selbst in Kindertageseinrichtungen besuchen nur 68 % der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit Gleichaltrigen eine inklusive Einrichtung. In den Gundschulen sinkt der Anteil dann auf 35 %, in den weiterführenden Schulen auf nur noch 17 %.
Zudem sind die Förderbedingungen und -schwerpunkte in den Bundesländern überaus heterogen ausgestaltet. Das beginnt bei den Strukturen und reicht bis in einzelne Förderansätze, etwa Lesen, Sehen oder Lernen. Eine übergreifende Qualitätsdefinition mit verbindlichen Standards, regelmäßiger Evaluierung und Entwicklungshilfen gibt es nicht.

Berufliche Bildung besser gerüstet

In der beruflichen Bildung und vor allem der Ausbildung sieht die Situation besser aus. Mit wenigen Abstrichen bildet hier das Ziel des ersten Arbeitsmarktes einen gemeinsamen Konsens von Staat und Wirtschaft. Andererseits ist der Kooperationsaufwand höher als im allgemeinbildenden Schulsystem. Im Vordergrund steht die Aufgabe, in erster Linie eine betriebliche Ausbildung oder eine Ausbildung, die so betriebsnah wie möglich ist, anzubieten.

Dies beginnt mit Betriebspraktika zur Berufsorientierung, die wegen des Unterstützungsbedarfs sorgfältig begleitet werden müssen. Die besondere Betonung der Belange behinderter Schüler bei der Neuregelung der Berufsorientierungsmaßnahmen im SGB III (§ 48) ab dem 01.04.2012 bietet hierfür verbesserte Ansätze.

Wenn wegen des Unterstützungsbedarfs nur eine außerbetriebliche Ausbildung in Betracht kommt, ist die kooperative Variante grundsätzlich vorzuziehen. Dabei wird in einem normalen Betrieb ausgebildet. Der Träger der Ausbildung fördert mit sozialpädagogischer Begleitung sowie Stützunterricht. Das setzt eine enge Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Bildungsträger voraus. Der Rehabilitationsträger (in der Regel Arbeitsagentur oder Jobcenter) sollte die Möglichkeit einer kooperativen Fachpraktiker-Ausbildung ernsthaft prüfen, bevor er eine integrative Ausbildung in stationären bzw. rein überbetrieblichen Einrichtungen in den Blick nimmt. Die Erfahrung zeigt, dass Unternehmen durchaus bereit sind, im Zusammenspiel mit einem geeigneten Träger in behindertenspezifischen Ausbildungsberufen auszubilden.

Die klassische integrative Variante, bei der die praktische Ausbildung in speziellen Trägereinrichtungen und nicht in normalen Unternehmen absolviert wird, sollte auf das wegen Art und Schwere der Behinderung erforderliche Maß begrenzt sein.

Soweit Behinderte trotz Hilfen den Anforderungen eines Ausbildungsberufs nicht gewachsen sind, sollte im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten (Beschäftigungsbe­darf, Arbeitssicherheit) auf die Fachpraktikerberufe (§§ 66 BBiG/ 42 HwO) zurückgegriffen werden. Auch bei diesen behindertenspezifischen Ausbildungen sind alle Möglichkeiten der betrieblichen Einbindung auszuschöpfen, eine Ausbildung in einer stationären Einrichtung nur die Ausnahme sein.

Im Falle von kooperativen außerbetrieblichen Fachpraktiker-Ausbildungen sollte es für die Eintragung des Ausbildungsverhältnisses regelmäßig ausreichen, wenn die rehabilitationsspezifische Qualität der Ausbildung durch den Maßnahmeträger gewährleistet wird (Empfehlung BiBB-Hauptausschuss Nr. 136 idF. vom 15.12.10). Dagegen würde die andernfalls erforderliche 320-stündige reha-pädagogische Zusatzqualifikation eines Ausbilders eine betriebsnähere Ausbildung regelmäßig verhindern.

Auch bei der beruflichen Wiedereingliederung von Erwachsenen mit Behinderung gilt: je betriebsnäher, desto besser. Rehabilitationsmaßnahmen im betrieblichen Kontext steigern die Erfolgsaussichten und reduzieren die finanziellen Aufwendungen der Kostenträger.

Wegweiser durch den ­Förderdschungel

In Deutschland gibt es umfassende Fördermöglichkeiten, um behinderten Menschen die Teilnahme am Arbeitsleben zu ermöglichen: vom umgebauten Kraftfahrzeug über treppenfreie Zugänge über computergestütztes Textvorlesen oder Bildschirm-Lesegeräte bis zu einer Arbeitsassistenz, um nur einige zu nennen. Die Zuständigkeiten sind jedoch sehr gegliedert und wegen der jeweils unterschiedlichen Voraussetzungen äußerst unübersichtlich.

Für Unternehmen kann es sehr schwierig sein, einen kompetenten Ansprechpartner zu finden, der zu allen Fördermöglichkeiten und ­-voraussetzungen berät. In aller Regel findet eine Beratung nur für die eigenen Fördermöglichkeiten des jeweiligen Rehabilitationsträgers statt. Hinzu kommen Abgrenzungsschwierigkeiten, wer denn im Einzelfall der richtige Ansprechpartner ist. Die Gemeinsamen Servicestellen für Rehabilitation sollten daher zu umfassend kompetenten Auskunftsstellen ausgebaut werden.

Zusammenarbeit der ­Rehabilitationsträger

Über den ersten Schritt einer umfassenden Beratung hinaus können durch eine bessere trägerübergreifende Koordination und Kooperation Rehabilitationsleistungen wirksamer, schneller und letztlich auch günstiger erbracht werden. Akteure in der vielgliedrigen Rehabilitationslandschaft sind Bundesagentur für Arbeit, Deutsche Rentenversicherung, Krankenkassen, Unfallversicherung, Träger der öffentlichen Jugendfürsorge, Träger der Sozialhilfe und Integrationsamt sowie Integrationsfachdienste. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation (BAR) macht hierzu regelmäßig Vorschläge für die Zusammenarbeit.

Rehabilitationskompetenz bei Optionskommunen und Jobcentern

Um behinderte Arbeitslose auf dem Weg in den ersten Arbeitsmarkt optimal zu unterstützen, sollten alle Grundsicherungsträger entweder selbst genügend Rehabilitationsfachkompetenz vorhalten oder diese durch Beauftragung sicherstellen. Ob dies der Fall ist, sollte geprüft werden. Ggf. muss nachjustiert werden, denn ein nicht erkannter Rehabilitationsbedarf erschwert eine Arbeitsvermittlung oder macht sie sogar unmöglich.

Wirkung und ­Wirtschaftlichkeit

Angesichts hoch verschuldeter öffentlicher Haushalte ist es ein wichtiges Anliegen, Fördermaßnahmen und Förderprogramme auf Wirkung und Wirtschaftlichkeit auszurichten. Ausgangspunkt hierfür ist die Herstellung vollständiger Transparenz über die Kosten der durchgeführten Maßnahmen und eine Evaluierung. Dies ist zugleich unabdingbare ­Voraussetzung für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.

Fazit

Die UN-Behindertenrechtskonvention wird noch für viel Diskussion in Deutschland sorgen. Der Integrationsansatz wird sich vermutlich deutlich in Richtung mehr Inklusion verschieben. Das bedeutet erhebliche Konsequenzen. Bestehende Strukturen, Kapazitäten und auch Leistungen der Sondereinrichtungen für Behinderte dürften auf den Prüfstand gestellt werden. Das betrifft z.B. Werkstätten für Behinderte ebenso wie das in Europa als Ausnahme geltende System der Förderschulen. Denkt man noch weiter, etwa an die Finanzierung, stellt sich die Frage, ob künftig statt der Institutionenförderung nicht eine Pro-Kopf-Finanzierung plus Index-Zuschlag sowohl chancengerechter als auch leistungswirksamer wäre. Damit reizt die UN-Konvention erkennbar zu neuem Denken.

Vielleicht müssen wir alle noch mehr von der eher unbewussten Vorstellung Abschied nehmen, viele Behinderungen automatisch als Leistungsminderung zu sehen. Das gilt besonders für die direkte Zusammenarbeit mit behinderten Menschen. Wie war das noch mit dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass?

Literatur

UN-Behindertenrechtskonvention, amtl. dt. Text im BGBl. 2008 Teil II Nr. 35, S. 1419 ff
Informative und ausgewogene Darstellung der ­Konvention bei Wikipedia, UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
Spitzer, M.: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, 2009
Bielefeldt, H.: Zum Innovationspotenzial der
UN-­Behindertenrechtskonvention, 2009
1. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland zur Konvention vom 3.8.11, siehe: www.bmas.de