Startseite | Service-AGB-Datenschutz-Versandkosten | Mediainformationen | Autoreninfos | Impressum

W&B gehört seit 1948 zu den renommiertesten Fachzeitschriften der Beruflichen Bildung!

Werte ohne Worte

Charlotte B. Venema: Meine Meinung

Unternehmen brauchen Werte, an denen sie sich orientieren. Einfach nur Geld zu verdienen, reicht nicht mehr, es ist vorbei mit der reinen Profitgier. Diesmal meinen es alle, wirklich alle ernst. Und warum? Ohne Werte geht nicht nur die Orientierung verloren, auch der Gewinn geht den Bach runter. Dafür gibt es jedenfalls einige prominente Beispiele. Es geht also doch wieder um den Profit. Andererseits gibt es auch ein paar prominente Beispiele dafür, dass miese Geschäftsmethoden nicht unbedingt in den Abgrund führen, jedenfalls nicht gleich. Dann ist es also lediglich eine Frage des geschickten Lavierens? Erst mal ordentlich Kohle machen, dann als reuiger Sünder Besserung geloben und auf die nächste Chance warten? Oder wir machen es ganz schlau: Wir bringen ein gesundes Profitstreben und ein paar verantwortungsvolle Werte in eine schöne Balance, ohne das eine oder das andere gleich zu übertreiben. Eine Pendelstrategie mit Orientierung am gesellschaftlichen Mainstream sozusagen. Macht sich gut in der Werbung, und man bleibt flexibel. Das verantwortungsvollste Waschmittel, das es je gab. Billigklamotten ohne Kinderarbeit, ökologisch angebauter Kaffee von glücklichen Indios mit garantiertem Sozialstandard und gutem Konsumentengewissen. Jetzt gucken Sie nicht so misstrauisch auf Ihr iPad. Man muss ja nicht gleich Apple für die Zustände in chinesischen Fabriken verantwortlich machen. Die Dinger sind doch sooo schön.

Ist die ganze Wertediskussion also nur die Tarnkappe, unter der die Geschäfte weiterlaufen wie gehabt? Teilweise schon. Aber bleiben wir mal auf dem Teppich. Profit , der Mehrwert in der marxistischen Terminologie, ist das Ziel jeder wirtschaftlichen Tätigkeit und sowohl legal als auch legitim. Gier ist ein mentaler Zustand des Homo Sapiens, der beim Anblick materieller Werte leicht zur einzigen Triebfeder wird. Eine gut funktionierende Gesellschaft hat in der Regel Mechanismen zur Verfügung, die dem Grenzen setzen. Zugegeben, die Kontrolle hat unerfreuliche Lücken und die Justiz ist nicht für mieses Benehmen zuständig. Deshalb haben Utopien einer idealen Gesellschaft ohne Raffgier eine große Anziehungskraft. Leider hapert es bisher entscheidend an der praktischen Umsetzung. Honecker lässt grüßen.

Also: Wie erkennt man in dem ganzen Wortgeklimper, ob Werte tatsächlich gelebt werden? Sicher nicht daran, was ein Unternehmen unter dem Stichworten Corporate Social Responsibility und Corporate Governance Codex so erklärt. Werte bestehen nicht aus Worten. Worte sind im doppelten Sinne wertlos . Worte können Werte nur kommunizieren. Taten sprechen dagegen eine eindeutige Sprache. Handlungen sind die einzigen zuverlässigen Indikatoren für die Existenz von Werten. Welcher Wertekodex passt zu dem, was wir als Verhalten beobachten? Diese Frage stellen wir uns permanent, bewusst oder unbewusst. Sie ist nicht immer sofort eindeutig zu beantworten, aber über kurz oder lang ergibt sich ein reelles Bild. Der Vorstand, der erstmalig freitags um 16:00 Uhr die geschätzten Mitarbeiter per E-Mail mit einfühlsamen Worten über die Schließung des Standortes informiert, hat klar und unmissverständlich kommuniziert, dass die lieben Mitarbeiter selbst sehen sollen, wie sie mit der Nachricht fertig werden. Und noch einiges mehr. Damit ist eine faktische Aussage in der Welt, die alle noch so geschliffenen Verlautbarungen übertönt. Da Werte im positiven oder im negativen Sinne gelebt werden (müssen), kann man sich die Worte eigentlich auch sparen. Weniger ist mal wieder mehr. An ihren Taten sollt ihr sie... Wo stand das nochmal?