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Eine marktförmige Ordnung

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hat die bisherige Typologie von regionalen ­(betrieblichen) Ausbildungsmärkten neu aufgelegt und deutschlandweit 11 Vergleichtypen entwickelt. Welchen Wert hat eine solche Vergleichsstudie, wie lauten die Erkenntnisse und wem nutzen sie?

Jörg E. Feuchthofen

Im deutschsprachigen Raum gibt es bekanntlich eine gewisse Affinität, was die Ordnung und Anordnung von Dingen angeht. Die Palette reicht von der Mikro- bis zur Makro-Ebene, von Wochenmärkten bis zur Sozialen Marktwirtschaft. Wenn das Bauen von Strukturen und Systemen, die ja eigentlich dem engeren Marktbegriff fremd sind, nicht ganz so funktioniert wie gewünscht, geraten wir schneller als andere in Panik. Die Entwicklung der Finanzmärkte ist hierfür ein beredtes Beispiel. Was geordnet ist, soll gefälligst auch in dieser Ordnung funktionieren.

Die betriebliche Ausbildung im dualen System ist in diesem Zusammenhang ein besonderes Feld von Merkwürdigkeiten. Im Kern geht es beim Markt nur um die Koppelung von Angebot und Nachfrage beim Abschluss oder auch Nichtabschluss jedes einzelnen Ausbildungsverhältnisses. Jedoch: Was eine Berufsausbildung in einem anerkannten und mithin geregelten Ausbildungsberuf ist, was sie zu leisten hat, was Betrieb und Azubi dürfen, nicht dürfen, müssen oder sollen, wer das Ganze überwacht, wer prüft, testiert und berät, all das hat seine gute und hochkomplexe Ordnung. Zumal ja eine ganze Reihe von gesetzlich bestimmten Akteuren in diesem System auf dem Markt agiert.

Insoweit ist im Grunde bereits der Begriff des Ausbildungsmarktes als solcher ein Paradoxon, beschreibt er als echter Markt doch eben nur das engere und dort freie Geschehen bei Suche, Auswahl und in bestimmten Grenzen Abschluss eines Ausbildungsvertrages zwischen zwei Vertragspartnern.

In diesem Rahmen haben die Geschäftsstatistik der Bundesagentur für Arbeit und die Ausbildungsstatistik des BIBB grundlegend unterschiedliche Funktionen. Die BIBB-Statistik ist nachgeschaltet. Sie zählt und ordnet definitiv und vollständig zu, wie viele und welche Ausbildungsverträge zum Ende eines jeden Kalenderjahres tatsächlich zustande gekommen sind und bestehen. Die Geschäftsstatistik der BA ist dagegen ein permanentes Hilfsinstrument bei der Vermittlung bzw. Entstehung von Ausbildungsverhältnissen. Sie registriert Angebot und Nachfrage und gleicht diese ab.

Grafik: Ausbildungsmarkttypen 2012, zum Vergrößern anklicken

In dieser hier grob gezeichneten Unterschiedlichkeit liegen permanente Irritation und Missverständnisse begründet, da aus beiden Statistiken bildungspolitische Konsequenzen gefolgert und gefordert werden. Über die Eintragungspflicht von Ausbildungsverträgen in die Lehrlingsrollen ist die nachgeschaltete BIBB-Statistik in den Daten vollständig und abschließend. Die Meldung von Angebot und Nachfrage bei den Arbeitsagenturen ist dagegen freiwillig und damit zwangsläufig lückenhaft. Sie kann allenfalls Trends aufzeigen und Aufschlüsse über Altbewerbungen geben. Selbst bei letzteren besteht Ungewissheit, ob etwa der Nachfrager nach einiger Zeit nicht längst woanders untergekommen ist. Er oder sie zieht eben dann seine Nachfrage nicht bei der BA zurück. Alle Versuche, dies insbesondere in Zeiten eines hohen Nachfrageüberhangs durch Rückfragen valide zu klären, sind bisher nicht gelungen.

Vor diesem Hintergrund ist der Ansatz, eine Typologie von regionalen Ausbildungsmärkten in Deutschland zu entwickeln, vor allem aus mittelbaren Gründen zu begrüßen. Die Daten der BIBB-Statistik zu den ungeförderten betrieblichen Ausbildungsverträgen werden erstmals von BA/IAB einbezogen, während sie eben bisher ausgeblendet blieben und unter Zuhilfenahme von BA-Daten geschätzt werden mussten . Skepsis ist aber angesagt, wenn die Datenlage in den Regionen nach Agenturbezirken definiert und deren Gebietsordnung seit 2010 verändert worden ist. Das beeinflusst massiv den jeweiligen Vergleichtypus und damit die Ableitung von Erkenntnissen zu regional unterschiedlichen strukturellen Merkmalen. Gleichwohl sind solche Typologisierungen für Fachleute in der Ausbildung interessant, wenn man nach Erkenntnissen oder auch Trends zu einem eben am Markt unterschiedlichem betrieblichem Ausbildungsgeschehen sucht. Vor allem mehrjährige Abgleiche können Entwicklungen aufzeigen oder feste Determinanten bestimmen. Der Beitrag von Wollersheim in diesem Heft zur Berufsorientierung ist hierfür ein gutes Beispiel (S. 60 ff.)

Im dargestellten Sinne hat die BA bzw. ihr Forschungsinstitut IAB seit 2005 versucht, eine Typisierung regionaler Ausbildungsmärkte zu entwickeln und zu überprüfen. Vor zwei Jahren wurde ein erstes Ergebnis vorgelegt und im Oktober 2012 neu aufgelegt.

Im Bildungsdeutsch der Fachleute wird dies offiziell wie folgt beschrieben: Das Geschehen auf den deutschen Ausbildungsmärkten ist in hohem Maße von regionalen Disparitäten geprägt. In den neuen Bundesländern macht sich der demografische Wandel mittlerweile deutlich bemerkbar. Damit regionale Ausbildungsmärkte besser vergleichbar werden, hat das IAB vor zwei Jahren eine wissenschaftlich basierte Typisierung entwickelt. Diese wurde 2012 neu aufgelegt, um den veränderten Strukturbedingungen vor Ort gerecht zu werden. (Autorenreferat, IAB-Doku).

BA und IAB erweitern damit ihre vergleichbaren Instrumente bei der Klassifikation von Ausbildungsmärkten in den Rechtskreisen SGB III und SGB II, die es bisher ebenfalls seit 2010 gibt.

Die BA nutzt derartige Typisierungen, um unterschiedliche regionale Ausgangsbedingungen bei der Steuerung von Maßnahmen und Mitteln sowie bei Leistungsvergleichen zwischen den einzelnen Agenturen einzubeziehen. Den Bezug bildet der gesetzliche BA-Auftrag zur Ausbildungs(platz)vermittlung im dualen System. Grundlage ist hier die marktförmige Organisation , die in der BA-Definition nach Kleinert/Jacob 2012 als freie Entscheidung von Betrieben definiert wird, ob und wie viele Ausbildungsplätze diese anbieten und an welche Bewerber vergeben.

Die herausgestellte Erkenntnis der neu aufgelegten Typologie, dass sich regionale (betriebliche) Ausbildungsmärkte verändern, gibt als solche zunächst wenig her. Das betriebliche Ausbildungsverhalten ist überall in Deutschland eben primär an die Konjunktur geknüpft und die hat Höhen wie Tiefen. Demgegenüber sind weitere Einflussfaktoren wie z. B. die Ausbildung über Bedarf und (noch) die demografische Entwicklung in der Wirkung sekundär.

Insgesamt macht das IAB sechs relevante Einflussgrößen aus, die gemeinsam 69 Prozent der regionalen Streuung bei den

Grafik: IAB Kurzbericht, zum Vergrößern anklicken

Übergangsquoten ausmachen. Daraus folgt, dass die strukturellen Bedingungen in den Regionen die Ergebnisse der Übergangsprozesse in eine betriebliche Ausbildung in erheblichem Maße vorbestimmen (können).

Insgesamt zeigt die modifizierte Typologie des IAB, dass bereits heute regionale Ausbildungsmärkte stärker durch ihre demografische Struktur beeinflusst werden. Demgegenüber ist die Bedeutung der wirtschaftlichen Lage in der jeweiligen Region geringer geworden.