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Lernkultur: New Practice

Im Interview: Frank Siepmann

LERNKULTUR: NEW PRACTICE?

 

Digitale Medien verändern das Lernen im ­Unternehmen. Es entstehen neue Formate und ­Kooperationsformen. Gleichzeitig verändern sich die Angebote für Lernprofis in der Wirtschaft. Organisatoren von Konferenzen und Verleger von Fachzeitschriften informieren nicht nur über diese Entwicklungen, sie verändern sich auch selbst und greifen die neuen Formate auf. Im Interview stellen wir deshalb das Unternehmen Siepmann Media vor, das sich auf eLearning spezialisiert hat und innovative Angebote für Lernprofis entwickelt.

 

Herr Siepmann, was bietet ­Siepmann Media für Lernprofis im Unternehmen?

Siepmann: Siepmann Media ist ein Bildungsverlag der sich seit 9 Jahren mit der Einbeziehung digitaler Medien in den Bildungsprozess beschäftigt. Siepmann Media gibt das größte deutschsprachige Printmedium zum Thema eLearning, das Fachblatt eLearning Journal heraus. Begleitet von weiteren Printmedien wie regelmäßigen Themenheften, Praxisratgebern und Publikationen zu Themen rund um eLearning und digitale Medien in der Bildung sowie dem Jahrbuch eLearning & Wissensmanagement, dem jährlich umfassendsten Werk über Entwicklungen und Marktgeschehen im eLearning Markt im deutschsprachigen Raum. Das Online-Magazin www.eLearning-Journal.de erreicht monatlich ca. 14.000 Leser. Der WebTV Channel eLearningTV hat bereits über 400.000 Zuschauer erreicht. Nachdem Siepmann Media im Jahre 2012 zum ersten Mal eine Conference Tour zum Thema weiterbilden 2.0 Konzepte, Strategien & Best Practice in 5 Metropolregionen durchführte, haben wir uns entschlossen, dieses Jahr erstmals eine eLearning SUMMIT Tour 2013 in 8 deutschsprachigen Metropolregionen durchzuführen.

 

Die erste Hälfte der SUMMIT Tour 2013 ist gelaufen. Was ist das besondere an dem Konzept?

Siepmann: Im Frühjahr führte die SUMMIT Tour 2013 Innovation & Excellence in Learning in die Metropolregionen Köln, Frankfurt, Stuttgart und Wien. Jeweils ca. 100 Bildungsmanager und Projektverantwortliche aus Wirtschaft, Hochschulen und Organisationen beteiligten sich an dem Erfahrungsaustausch. Die Themen sind so vielschichtig wie die Herausforderungen beim Einsatz neuer Medien im Weiterbildungsprozess. Unser diesjähriges Leitthema lautet Lernexzellenz in Zeiten von Web 2.0 Wir erstellen im Laufe der SUMMIT Tour 2013 mit Programmbeteiligten und Teilnehmern gemeinsam einen Bedeutungsrahmen zu Aspekten, Bedingungen und Bedeutungen zu Lernexzellenz 2.0. Hierzu laden wir für jede Station einen Bildungsexperten zu einem Wake-Up-Call ein und vertiefen die Thematik in einer Podiumsdiskussion, die jeweils von einem Gastmoderator vorbereitet und durchgeführt wird.

Best Practice-Reports geben einen Einblick in die eLearning-Praxis und -Bedarfe von Großkonzernen und mittelständigen Unternehmen aus verschiedensten Branchen. Im Expert-Panel, an World Café-Thementischen und in der Network-Area setzen wir aus vielfältigen Dialogperspektiven heraus Impulse und thematisieren Schlüsselaspekte zur Strategieentwicklung und Umsetzungssteuerung. Vorträge über Learning Innovation ermöglichen einen exklusiven Überblick über die besten Lösungen aus den Weiterbildungsfeldern eLearning und mLearning. Neben der General Session bieten die Breakout Sessions, wie z.B. das BarCamp- oder Lernexzellenz-Forum, die Möglichkeit selbstgesteuerte Dialog-Methoden zu erleben. Die Foren der Breakout Session dienen der Vertiefung ausgewählter Themen und geben neue Impulse zur Beurteilung möglicher Lösungsaspekte.

Parallel zur SUMMIT Tour 2013 greift ein blended-MOOC im Herbst die erarbeitete Thematik auf und trägt die Diskussionen in die digitale Welt der sozialen Fach-Netzwerke wie zum Beispiel Twitter, Facebook, XING, YouTube, Google+. Durch Blog-Aggregatoren werden der Verlauf und die Entwicklung der Inputs für die Teilnehmer sichtbar.

 

Sie setzen also die unterschiedlichsten Formate im Rahmen einer Veranstaltung ein und unterstützen dies durch soziale Medien. Welche Themen standen im Mittelpunkt der Diskussion?

Siepmann: Bei der Auftaktveranstaltung in NRW stand das Thema Konstruktivistisches Lernen in flexiblen Arbeits- und Lernformen im Vordergrund. Bei der zweiten Station in Hessen konzentrierten sich die Diskussionen auf die Rolle des Lerners mit dem Schwerpunkt  Lernen für alle? Unterschiedliche Lernbedürfnisse umsetzen . Bei der nächsten Station in Baden-Württemberg  stand die Frage Hat E-Learning im Social Business-Zeitalter eine Zukunft? im Vordergrund. Bei der vierten Station am 16.05.2013 in Wien beleuchteten die Programmbeteiligten zusammen mit den Teilnehmern Bedingungen von Lernexzellenz in Zeiten von Web 2.0 . In den World Cafe´s diskutierten die Teilnehmer in Table Session überwiegend die Bedeutungen der vorgestellten Erfahrungsberichte. In den BarCamp-Foren (ohne Themenvorgabe) wurde wiederholt die Thematik Formelles Lernen Informelles Lernen sichtbar. Zur Zeit arbeiten wir an einem Curriculum für den Herbst, das die Diskussionsbedarfe der Teilnehmer aufnimmt und eine weitere Vertiefung ermöglicht. Die Schwerpunktthemen des Frühjahres werden von unseren Moderationen im Herbst in die Online-Diskussionen des Blended MOOCs  Lernexzellenz 2.0   eingebracht und dort vertieft.

 

Welche Rolle spielen Angebote wie die SUMMIT Tour? Oder anders gefragt: Weshalb kommen Personaler und Lernprofis aus der Wirtschaft zu solchen Tagungen?

Siepmann: eLearning-Projektverantwortliche in der Wirtschaft wissen, dass der Web 2.0-Einsatz in der betrieblichen Bildung hohe Anforderungen an das Innovationsmanagement bei Entscheidern und Projektbeteiligten stellt. Vor dem Hintergrund rasanter technologischer Innovationszyklen, dem demographischen Wandel hin zu einer alternden Wissensgesellschaft und der fortschreitenden Digitalisierung von Arbeits- und Bildungsprozessen, benötigen Projektverantwortliche in der beruflichen Bildung für den Entwurf nachhaltiger Zukunftsszenarien sowie zur Einschätzung von Zusammenhängen und Bedeutungen eine aktuelle Orientierung und Kenntnis von erprobten Konzepten und State of the Art -Projekten. Die SUMMIT Tour unterstützt überregionale und regionale eLearning-Netzwerke, macht Kompetenzen sichtbar und bietet Akteuren die Möglichkeiten zum persönlichen Erfahrungsaustausch zu aktuellen Projektergebnissen, Innovationen und Excellence in Learning, sowie die Mitwirkung an der Entwicklung eines Bedeutungsrahmens durch die Weisheit der Vielen zum Thema Lernen im Unternehmen .

 

Wie steht es denn um die Lernkultur in den Unternehmen? Der Alltag in den meisten Unternehmen scheint doch noch sehr weit von Formen wie BarCamps und MOOCs entfernt zu sein.

Siepmann: Formate wie BarCamps, Design Thinking, World Cafe s und andere Open-Space-Technologien werden zunehmend von Unternehmen genutzt. Die SUMMIT Tour ist nur ein Beleg dafür. Es sind Ermöglichungsräume, Räume der kollektiven Wissensgenerierung oder Enabling Spaces wie Prof. Peschel von der Universität Wien offene Lernszenarien ausschildert. Der Innovationsdruck in den Unternehmen begünstigt eine Entwicklung zum vernetzten Planen und Handeln. Inwieweit MOOCs eine Relevanz in der künftigen Unternehmenskultur haben werden, das kann ich nicht absehen. Zum Thema MOOCs befinden wir uns zunächst in einer Pionierphase.

In Stuttgart wurde zum Beispiel darüber diskutiert, ob formale Lernangebote die Lernkultur zerstören. Stehen wir vor einem Umbruch in der Lernkultur?

Siepmann: Ich denke, wir befinden uns bereits mitten in einem Umbruch in der Lernkultur. Die rasante Digitalisierung unserer Lernwelten passiert in einer Geschwindigkeit für die es in der Geschichte des Lernens kein Beispiel gibt. Unsere Lebenswirklichkeit wird zunehmend durch unsere Anpassungsfähigkeit an die Geschwindigkeit dieser Digitalisierung der Lern und Arbeitsprozesse geprägt. Unternehmen & Organisationen, Hochschulen und Schulen, aber auch digitale soziale Netzwerke werden zu Epizentren neu entstehender Lernkulturen.

Vor dem Hintergrund, dass die Wertschöpfung in den Unternehmen mehr und mehr durch Wissensarbeit erzielt wird, nimmt die Bedeutung der Fähigkeit der Kompetenzaneignung durch informelles Lernen auch in den Unternehmen zu. Während formelle Lernangebote auf die Kraft der Langsamkeit setzen, beschleunigen sich die Unternehmensabläufe und die Lernbedarfe zunehmend.

Die Bedeutung der Qualität des informellen Lernens in den Betrieben nimmt ebenso zu, wie die strategische Bedeutung der Balance zwischen formalen und informellen Lernangeboten für die Unternehmensziele.

Die Unterscheidung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants, die Marc Prensky in die Bildungsdiskussion eingeführt hat, beschreibt auch unterschiedliche Verläufe von Lernbiografien. Lernbiografien von Digital Immigrants sind eher geprägt von formalen Lernangeboten. Die von Digital Natives, welche von klein auf mit den neuen Technologien des digitalen Zeitalters aufgewachsen sind, weisen häufig einen höheren Anteil informeller Kompetenzaneignung auf.
Den Luxus, formelle Lernangebote nicht zu hinterfragen, werden sich künftig immer weniger Unternehmen leisten können. Der Einfluss formaler Lernangebote auf die Lernkultur in den Unternehmen ist zumindest neu zu bewerten.

 

Müssen sich Veranstalter und Verleger von Fachzeitschriften nicht umstellen? Die SUMMIT Tour ist ja bereits ein sehr innovatives Format. Aber welche Rolle spielen Fachzeitschriften in der Zukunft noch angesichts der Internetangebote?

Siepmann: Klar müssen sich Verleger heute umstellen, nicht nur Verleger von Fachzeitschriften. 2012 hatten wir die größte Entlassungswelle im Pressewesen in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg. Die Digitalisierung und Vernetzung von Medienformaten hat etablierte Geschäftsmodelle radikal beschädigt. Natürlich sind auch Fachzeitschriften betroffen, doch sie werden weiterhin wichtige Schnittstellen für Communities bleiben. Ihre Daseinsberechtigung wird dabei weiterhin an ihrer Anpassungsfähigkeit gemessen. Medienmacher können heute in Zeiten von Web 2.0 schon als kleine Fachverlage wesentlich mehr Reichweite und Geschwindigkeit erzielen als noch vor 10 Jahren. Somit entstehen für Medienmacher neue Möglichkeiten, zusätzliche Bedarfe an Marktbegegnung für Fachcommunities zu bedienen. Insbesondere, wenn neben Erlösmodellen aus crossmedialen Formaten komplementär Erlöse aus dem Eventbereich hinzu­kommen.o


Das Interview führte
Charlotte B. Venema