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Qualität erfordert auch Zugänglichkeit

Statement: Prof. Dr. Eckart Sievering, f-bb

Die duale Berufsausbildung gilt auch über Deutschland hinaus als Erfolgsmodell. Aber nichts wäre daher verkehrter, als Diskussionen über Qualitätsfragen der dualen Berufsausbildung wegen ihrer internationalen Ausstrahlung für obsolet zu erklären. Im Gegenteil: Auf eine erkennbare Qualität ihrer Ausbildung sind Unternehmen angewiesen, wenn sie ihre Attraktivität für Ausbildungsbewerber erhöhen wollen.

Bei Qualitätsfragen der Ausbildung geht es allerdings nicht nur um eine bessere Lernortkooperation und eine bessere Qualifizierung des meist nebenberuflich tätigen Ausbildungspersonals. Die Verbesserung der Qualität der Ausbildung ist vor allem deswegen notwendig, weil viele Unternehmen, die sich einer guten Ausbildung verpflichtet wissen, zunehmende Schwierigkeiten meistern müssen: Einerseits steigen die fachlichen Anforderungen in einigen Berufsfeldern, anderseits müssen die Ausbilder eine größere Heterogenität der Auszubildenden bewältigen. In der Vergangenheit verfolgten viele Ausbildungsbetriebe die Strategie einer Homogenisierung der Auszubildenden auf hohem Leistungsniveau durch scharfe Selektion bei der Einstellung. Diese Strategie ist inzwischen in einigen Berufen und Regionen obsolet, weil weniger Bewerber auf eine größere Ausbildungsnachfrage treffen.

Qualität der Ausbildung ist mehr als Qualität in der Ausbildung. Zur Qualität eines gesellschaftlichen Berufsausbildungsangebots gehört auch, dass es allen zur Verfügung steht, die es wahrnehmen wollen. An diesem Punkt hat die duale Ausbildung noch immer erhebliche Mängel. Sie ist nicht mehr eine voraussetzungslose Ausbildungsmöglichkeit für alle Schulabgänger, sondern weist inzwischen hohe Zugangsbarrieren vor allem für Hauptschüler auf: Auch 2013 fanden nach den Daten des gerade vorgelegten "Nationalen Bildungsberichts 2014" nur 25 % der Hauptschüler ohne Abschluss und nur 60 % der Hauptschüler mit Abschluss nach der Schule eine Ausbildungsstelle. Auch 2013 sind wieder über eine Viertelmillion Schulabsolventen in Maßnahmen des Übergangssystems gemündet statt in Ausbildung. Das betrifft auch die Hälfte der ausländischen Schulabsolventen. Zugleich geht sie betriebliche Ausbildungsquote seit Jahren zurück.

Ein Bewusstsein über den drohenden Mangel an beruflich qualifizierten Fachkräften lässt sich aus solchen Zahlen nicht ablesen. Offenbar verzichten viele Unternehmen eher auf Ausbildung, als dass sie geringer qualifizierte Schulabsolventen einstellen. Es war eine traditionelle Stärke des Dualen Systems, auch leistungsschwächeren Jugendlichen ohne Zugangsbarrieren den Weg in eine qualifizierte Ausbildung und in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Diese Integrationswirkung der Dualen Ausbildung an der ersten Schwelle vom Beruf in eine Ausbildung ist seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gegeben.

Die Qualität eines Berufsausbildungssystems zeigt sich nicht nur an der Gestaltung der Prozesse in seinem Binnenbereich, sondern auch darin, ob es sich Ausbildungs-aspiranten am unteren Rand verweigert. Der Anspruch, alle daran interessierten Jugendlichen in eine Berufsausbildung eintreten zu lassen, wird sich nur realisieren lassen, wenn das Berufssystem auch leistungsschwächeren Schulabsolventen Angebote macht und niedrigschwellige Einstiege bietet, statt sich ihnen mit Hinweisen auf ihren mangelnde Eignung zu verschließen. Allein durch den Ausbau flankierender Maßnahmen für leistungsschwächere Ausbildungsbewerber wie ausbildungsbegleitende Hilfen und Berufsvorbereitungsmaßnahmen lässt sich das grundsätzliche Problem unangemessener Einstiegshürden nicht beheben: Ausbildungserfolge werden nicht durch fixierte Voraussetzungen, sondern durch die Entwicklung und durch die Lernleistung der Jugendlichen erzielt. Eine Selektion der Ausbildungsaspiranten vor Beginn der Ausbildung ignoriert schlicht, dass Berufsausbildung auch eine Persönlichkeits  und Kompetenzentwicklung darstellt, die vielfach prospektive Urteile über die Ausbildungsreife von Jugendlichen praktisch widerlegt.

Es sind daher Qualitätskonzepte zu entwickeln, die eine frühe Berufsorientierung in den Schulen ebenso einschließen wie Reformen des Übergangssektors in Richtung auf eine stärkere Integration des heutigen Übergangs- und Ausbildungssektors. Es ergeben sich aber auch Anforderungen an die Gestaltung des Rahmens der dualen Ausbildung: Die tatsächlich wirksamen Einstiegsanforderungen für viele Berufe müssen gesenkt werden. Das kann ohne Qualitätsverlust der Ausbildung durch echte Stufenausbildungen oder durch aufeinander abgestimmte zwei  und dreijährige Ausbildungsberufe (wie beim Maschinen und Anlagenführer im Verhältnis zum Industriemechaniker) gelingen.

Heute konkurrieren Unternehmen und Branchenverbände mit intensiviertem Ausbildungsmarketing um die weniger gewordenen besonders leistungsfähigen Ausbildungsbewerber. Das mag für einzelne Unternehmen ein Weg auf Kosten anderer Unternehmen sein. Die Qualität der Dualen Ausbildung wird sich aber daran beweisen müssen, dass sie aus demografisch kleiner werdenden Jahrgängen insgesamt genügend berufliche qualifizierte Fachkräfte generiert. Das geht nicht mit Marketingkampagnen für Ausbildung statt Studium, das geht auch nicht durch die Bezweiflung der Ausbildungsreife eines großen Teils der Ausbildungsbewerber, sondern nur durch Ausbildungskonzepte, die auch zunächst schwieriger erscheinende Bewerber erreichen, motivieren und aus ihnen etwas machen!