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Qualität: Mehr auf Bewerber eingehen

Statement: Matthias Anbuhl, DGB

Geht es um die berufliche Bildung in Deutschland, werden vornehmlich Fragen der Quantität der Ausbildungsangebote diskutiert. Im Angesicht hoher Bewerberzahlen betreiben viele Unternehmen eine Bestenauslese. Der Nationale Bildungsbericht spricht von einer faktischen Abschottung der Hälfte der Ausbildungsberufe für Jugendliche mit Hauptschulabschluss. Die Folge: Hunderttausende junge Menschen landen in den zahllosen Maßnahmen im Übergang von der Schule in Ausbildung. Zurzeit haben mehr als 1,3 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keinen Berufsabschluss. Wegen solcher Zahlen blieb die Qualität der Ausbildung weitgehend unbeachtet.

Doch dieser Trend wird sich drehen: Zwar weist der Nationale Bildungsbericht noch immer auf beträchtliche Lücken bei der Versorgung mit Ausbildungsplätzen hin, dennoch rücken Fragen der Ausbildungsqualität in den Fokus. Zurzeit sind es vor allem Hotel- und Gastronomiegewerbe sowie das Lebensmittelhandwerk, die ihre Ausbildungsplätze nur schwer besetzen können. Gerade diese Branchen haben seit Jahren konstante Probleme bei der Ausbildungsqualität. Sie haben extrem hohe Vertragslösungsquoten so bricht mehr als die Hälfte der Restaurantfachkräfte die Ausbildung vorzeitig ab. Der Ausbildungsreport der DGB-Jugend stellt seit Jahren fest, dass die Azubis in diesen Branchen den rüden Umgangston, Verstöße gegen den Jugendarbeitsschutz und die mangelnde Qualität der Ausbildung beklagen. Nur mit besseren Bedingungen werden diese Branchen für die Jugendlichen wieder attraktiv.

Es ist die gesetzliche Aufgabe der Kammern, die Qualität der Ausbildung zu kontrollieren. Hier rächt sich, dass die Kammern in einer Doppelfunktion sind: Einerseits sind sie Lobbyverband der Wirtschaft und werden von den Betrieben finanziert. Auf der anderen Seite sollen sie eben diese Unternehmen effektiv kontrollieren. Der DGB bietet den Kammern seine Unterstützung an. Notwendig ist ein niedrigschwelliges Beschwerdemanagement für Auszubildende. Erforderlich sind mehr Ausbildungsberater, die aktiv auf die Unternehmen zugehen. Nötig sind zudem Sanktionen bis hin zum Entzug der Ausbildungsberechtigung für Betriebe, die schlecht ausbilden. Sollten die Kammern ihre Aufgabe der Qualitätskontrolle nicht besser erfüllen, muss man sie aus ihrer Doppelrolle befreien. Dann müssen unabhängige Stellen für eine bessere Ausbildung in den Unternehmen sorgen.

Die Qualität der Ausbildung muss auch Thema der Politik sein. Fakt ist: Eine Stärke der dualen Berufsausbildung ist das Lernen im Prozess der Arbeit. Dieser Markenkern darf nicht durch eine Zergliederung der Ausbildung in einzelne Module beschädigt werden. Auch bieten zweijährige Kurzausbildungen jungen Menschen mit schlechten Startchancen keine nachhaltigen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Diese Jugendlichen sollten die Chance bekommen, ihre Ausbildung zu verlängern.

Auch die Betriebe brauchen mehr Unterstützung bei der Ausbildung. Ein gutes Modell ist die assistierte Ausbildung. Hier bekommen die Betriebe einen Dienstleister zur Hand, der ihnen bei der Auswahl der Jugendlichen hilft und sie bei der Gestaltung des betrieblichen Ausbildungsplans unterstützt. Gleichzeitig kümmert sich dieser Dienstleister um die Jugendlichen, organisiert Nachhilfe und vermittelt bei Konflikten zwischen Betrieb und Azubi. Die assistierte Ausbildung muss flächendeckend eingeführt werden, um mehr kleine Unternehmen für eine gute Ausbildung zu gewinnen.
Ohne eine hohe Qualität der Ausbildung gerät das Duale System weiter unter Druck. Junge Menschen mit schlechten Startchancen werden unzureichend integriert, gleichzeitig entscheiden sich viele leistungsstarke Jugendliche für ein Studium. Die Frage der Qualität wird deshalb zur Zukunftsfrage der dualen Berufsausbildung.