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Rezension

Manfred Spitzer: Digitale Demenz

von Charlotte B. Venema

Eine kurze Durchsicht der Rezensionen von Manfred Spitzers Digitaler Demenz in der Tagespresse ergibt ein überraschend einheitliches Bild. "Krude Theorien, populistisch montiert"  titelt die Süddeutsche. FAZ und TAZ kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.

Wie hat Spitzer das geschafft? Jedenfalls hat er bewiesen, dass bedrucktes Papier keinesfalls für intelligentere Inhalte steht als diverse Plattformen im Internet.

Es gibt einen kleinen Boom von Veröffentlichungen von Menschen, die sich als Gehirnforscher bezeichnen. Offenbar schreibt die Öffentlichkeit jedem Wissenschaftler, der sich mit dem Sitz der menschlichen Intelligenz beschäftigt, besondere Kompetenzen bei der Bewertung gesellschaftlicher Entwicklungen zu. Ob Neurobiologe, Neurologe, Sozialwissenschaftler oder Psychiater wie Spitzer wer das menschliche Gehirn durchschaut oder dies behauptet, hat gute Chancen, als Autor und Vortragsreisender mit ein paar Folien und populärwissenschaftlich vereinfachten Thesen für Gesprächsstoff und Aufregung zu sorgen. Oft ist das ganz unterhaltsam. Bei Spitzer überwiegt der Ärger.

Auf Seite 25 hat man schon mehrfach gelesen, dass Computer, Handy und Tablet-PC verdummen. Beweise sind Studenten, die mittels Internet Quellen abschreiben, statt selbst zu denken. Hat es vor der Erfindung der digitalen Medien etwa keine Menschen gegeben, die die Texte und Gedanken anderer wiedergekaut haben? Der Autor verweist weiter auf Pedoskope, die vor ca. 50 Jahren in vielen Schuhgeschäften standen und mittels Röntgenmessung überprüften, ob die Schuhe passten. Die Pedoskope verschwanden wieder, als die Sensibilität für die unerfreulichen Nebenwirkungen der Röntgenstrahlung anstieg. Ein schönes Beispiel für die Naivität der 60er-Jahre im Umgang mit technischen Neuerungen. Auch der Computer ist eine technische Neuerung und könnte Nebenwirkungen haben, die wir noch nicht bedacht haben. So die Argumentationslinie.

"Denn Computer fördern nicht die Bildung der jungen Menschen, sondern verhindern sie eher oder haben bestenfalls gar keinen Effekt, wie in den folgenden Kapiteln detailliert gezeigt wird. Die Industrie operiert also geschickt mit der Angst der Eltern aus sozial schwachen Schichten, um ihnen auch noch das letzte Geld aus den Taschen zu ziehen."

Warum Computer gefährlich sind, wird also erst in den folgenden Kapiteln erläutert. Vorher weist Spitzer noch auf folgendes hin:

"Es gibt viele Leute, die mit den digitalen Produkten sehr viel Geld verdienen und denen das Schicksal von Menschen, insbesondere von Kindern, egal ist. Man kann zum Vergleich durchaus die Waffenproduzenten und -händler anführen, deren Geschäft bekanntermaßen der Tod anderer Menschen ist. Auch die Tabakbranche , manche Lebensmittelhersteller die vor allem unsere Kinder mit ihren Produkten krank machen oder die Werbebranche die unter anderem der Tabak- und Lebensmittelbranche zu ihrem tödlichen Absätzen verhilft sind hier zu nennen."

Solche Argumentationslinien sind nichts anderes als Stimmungsmache mittels assoziativer Verknüpfungen. Tod, Waffenhandel, kranke Kinder, digitale Produkte. Das Warum und wieso kann man sich bei solchen Rundumschlägen eigentlich auch sparen.

Bis zu diesem Zitat haben wir noch nicht wirklich erfahren, was denn an Computern & Co. so verbrecherisch ist. Die Argumentation geht weiter: Da das Gehirn nicht nicht lernen kann, sondern sich permanent verändert und bis ins hohe Alter neue Synapsen bildet, wirkt sich der digitale Mediengebrauch negativ aus, denn digitale Medien verringern die Verarbeitungstiefe. Wirklich? Ein Beweis findet sich nicht. Es folgen längere Ausführungen zu den unterschiedlichen Möglichkeiten, Computer nicht sinnvoll einzusetzen. Beispiele findet Spitzer u. a.. in einigen Entwicklungshilfeprojekten. Auch die Cloud ist von Übel.

"Wer geistige Arbeit auf digitale Datenträger oder in die Wolke auslagert, hat neben der geringeren unmittelbaren Beanspruchung des Gehirns noch ein weiteres Problem. Die Motivationslage zum Einprägen von neuen Sachverhalten wird verändert. Wenn man weiß, dass man etwas irgendwo aufbewahrt hat, dann macht man sich keinen Kopf mehr darum."

Wie in aller Welt kann man geistige Arbeit auf Datenträger auslagern? Hier gehen ein paar Dinge durcheinander. Geistloses Abschreiben auf Papier oder unreflektiertes Auswendiglernen von Fakten oder Texten ist genauso wenig lernfördernd wie der gleiche Vorgang mit Hilfe digitaler Medien. Die ganze Argumentation läuft darauf hinaus, dass man digitale Medien auch auf eine sinnentleerte und idiotische Art und Weise benutzen kann. Wer würde dem widersprechen? Wer würde widersprechen, dass Facebook den direkten persönlichen Kontakt verdrängen kann? Facebook ermöglicht gleichzeitig den permanenten Austausch zwischen Menschen, unabhängig davon, wo sie sich gerade aufhalten. Ist das schlecht?

Die entscheidende Frage, die im Buch niemals gestellt wird, ist die nach der Alternative. Hat das Internet den Zugang zu Wissen im Vergleich zu Vor-Internet-Zeiten erleichtert? Wie sieht die Bilanz der Vor- und Nachteile aus? Spitzer kehrt schlicht alles Negative zusammen, was sich so finden lässt und macht sich wenig Gedanken um logische Verknüpfungen. Was sagt die unterschiedliche Gehirngröße von Rhesusaffen in großen und kleinen Gruppen über die gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Medien aus? Die Affen in großen Gruppen haben größere Gehirne, sagen Forscher. Menschen reduzieren manchmal ihre direkten Kontakte beim Gebrauch des Internets, also haben sie in Zukunft kleinere Gehirne. Dass manche Menschen nur noch vor dem Computer hocken beweist aber nur, dass jede Technik auch negative Effekte haben kann. Die Frage, ob es auch Vorteile dieser Art der Kommunikation gibt, wird erst gar nicht gestellt.

Manchmal führen die Ausflüge des Autors in beliebige Themen, die locker mit dem Thema des Buches zusammenhängen, zu seltsamen Argumentationsketten. Zu verschiedenen Anhörungen in Landtagen eingeladen, stellt er frustriert fest, dass seine Argumentation nicht ankommt. Schlimmer, ein Tischnachbar twittert sogar: "Spitzer dämonisiert Medien" . Wieder ein Beweis für die Schlechtigkeit digitaler Medien! Schlussfolgerung: "Warum sollten sich Politiker auch um Kinder kümmern? Kinder haben keine Stimme bei der Wahl, was Kinder wirklich brauchen, ist ihnen jedoch im Grund ziemlich egal". Dass das so ist, wird dann durch einige abstruse Lösungen beim Schülertransport in Sachsen-Anhalt belegt. Was haben Schulbusse und Bahntransport mit digitalen Medien zu tun? Der Unsinn beim Schülertransport beweist die Gleichgültigkeit der Politiker gegenüber Kindern, sagt Spitzer.

Deshalb sind diverse Forschungsprojekte zur Medienpädagogik ganz besonders verwerflich, da sie so gar nicht die Gefahren in den Vordergrund stellen, sondern wie verantwortungslos von den Politikern Jugendliche auf das digitale Zeitalter und den Umgang mit Medien vorbereiten sollen.

Das Fazit des Buches überrascht dann nochmals. Zunächst bringt Spitzer seine Thesen erneut auf den Punkt: "Digitale Medien führen dazu, dass wir unser Gehirn weniger nutzen, wodurch seine Leistungsfähigkeit mit der Zeit abnimmt. Bei jungen Menschen behindern sie zudem die Gehirnbildung; die geistige Leistungsfähigkeit bleibt also von vornherein unter dem möglichen Niveau."

Also, was sollen wir nun tun? Im Schlusskapitel folgt eine 3-seitige Aufzählung von Allerweltsweisheiten wie: "Ernähren Sie sich gesund! , Helfen Sie anderen , Apropos Geld: Es macht weder glücklich noch gesund. , Lächeln Sie , Verbringen Sie Zeit in der freien Natur" und so weiter und so fort. Dann, ganz am Ende, findet sich wenigstens ein Ratschlag, der sich mit dem Thema des Buches beschäftigt: "Meiden Sie die digitalen Medien. Sie machen dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich." Aha. Da hätte man doch einige differenziertere Hinweise erwartet, wie mit den überall präsenten digitalen Übeltätern umzugehen ist. Oder wie wäre es, all die klugen Lebensweisheiten zu befolgen und sich ein bisschen digitalen Medienkonsum zu gestatten? Der Leser bleibt etwas ratlos zurück.

Bücher von diesem Typus hat es immer gegeben und wird es immer wieder geben. Sie greifen eine beliebige technische oder gesellschaftliche Neuentwicklung auf und beschreien, was sich so an negativen Effekten finden lässt. Der Untergang des Abendlandes durch die Vermischung der Rassen und Kulturen, der endgültige Verfall der Sitten durch die Einführung des Kinos mit Aufnahmen von halbnackten Menschen, die Verblödung durch den steigenden Fernsehkonsum, die Vernachlässigung der Kinder durch die Berufstätigkeit der Mütter oder die Zerstörung unserer Städte durch das Automobil, das Waldsterben und das Schmelzen der Gletscher was auch immer sich ändert, bedroht die bekannte Welt und führt zu Ängsten.

Die Ängste sind nicht einmal unbegründet. Sie verleiten nur zu übertriebenen und einseitigen Schlussfolgerungen. Computer und Internet machen da keine Ausnahme. Also finden sich Mahner und Warner. Die sind bald vergessen, da sich die Öffentlichkeit neuen Katastrophen zuwendet. Daran hat weder die Erfindung des Buchdrucks noch des Internets etwas geändert. Die digitalen Medien sind weder gut noch schlecht, sondern eine neue Technologie, die nach dem Prinzip von Trial and Error nach und nach ihren Platz erobert und dabei ein paar alte Strukturen zerstört. Vermutlich hat bei der Einführung der Schrift einer unserer Altvorderen geklagt, dass nun die ehrwürdige Tradition der mündlichen Überlieferung zerstört würde und Menschen aufhören würden, ihr Gedächtnis zu trainieren. So völlig falsch war das nicht.

Die Basis alarmistischer Argumenta­tion zwecks populistischer Panikmache ist die Selektion von für sich genommen mehr oder weniger korrekten Fakten und Zitaten und deren bedarfsgerechte Kombination. Mit wissenschaftlicher Methodik hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wer sich mit den gesellschaftlichen Folgen digitaler Medien auseinandersetzen will, sollte offen sein für die unterschiedlichsten Gesichtspunkte. Auch populärwissenschaftliche Veröffentlichungen müssen sich daran messen lassen, ob sie im Kern einer wissenschaftlichen Arbeitsweise folgen. Dieses Buch ist ein Beispiel dafür, wie populär­wissenschaftliche Veröffentlichungen nicht sein sollten.

 

Manfred Spitzer
Digitale Demenz
Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen
19,99 Euro, 368 Seiten Verlag Droemer (August 2012)
ISBN 978-3-426-27603-7