German Angst


Charlotte B. Venema: Meine Meinung

... oder die Grundlagen der abendländischen Kultur

 

Deutschland steht vor einem großen Problem. Nein, ich meine nicht die sog. "Flüchtlingskrise". Ich meine die
demografische Entwicklung. Da die Geburtenrate seit 1975 bei 1,4 Kindern je Frau liegt, würde die Bevölkerung
Deutschlands ohne ständige Zuwanderung bereits seit Jahren spürbar zurückgehen. Die aktuelle Bevölkerungsprognose
für Deutschland, die auf den Daten vom Dezember 2013 basiert, besagt in konkreten Zahlen, dass die hiesige Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2030 von derzeit knapp 49 Mio. auf 44 45 Mio. sinken wird. 2060 werden es demnach noch 38 Mio. sein. Wie sich ein so dramatischer Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auswirken würde, wissen wir nicht. Wahrscheinlich ist, dass Deutschland seine wirtschaftlich starke Position und seinen Wohlstand nicht erhalten könnte.

Diese Zahlen wurden im April 2015 als "13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung" vom Statistischen Bundesamt
veröffentlicht. Sie unterstellt, dass zwischen 2014 und 2021 eine Nettozuwanderung stattfindet, die sich von zunächst 500.000 Menschen bis 2021 auf 200.000 reduziert. Um es ganz deutlich zu sagen: Ohne kontinuierliche Zuwanderung nach Deutschland hätten wir bereits ein viel massiveres Problem. Wir wären schon heute vermutlich nicht in der Lage, die Sozialsysteme auf dem derzeitigen Niveau zu finanzieren.

Aber diese Zahlen sind bereits überholt, denn die Nettozuwanderung steigt 2015 an. Die genauen Zahlen werden wir erst kennen, wenn wir von der geschätzten Zuwanderung von 1 Mio. + X die Zahl der Personen abziehen, die Deutschland jährlich verlassen. Im langfristigen Durchschnitt sind das pro Jahr ungefähr 0,5 Mio., aber diese Zahlen können stark
schwanken.

Bisher können wir nur sagen, dass durch die Flüchtlingswelle alle demografischen Prognosen nach
oben korrigiert werden müssen. Auch die Altersstruktur wird sich verjüngen, denn 80 % der Flüchtlinge sind unter 35 Jahre alt. Das sind die positiven Nachrichten. Wir können uns darüber freuen, dass die "demografische Herausforderung" etwas weniger herausfordernd ausfallen wird.

Trotzdem können wir nicht einfach sagen: Herzlich willkommen ihr Flüchtlinge, wir haben ein Problem weniger. Denn dies
war nur die statistische Seite der aktuellen Entwicklung. Die Herausforderungen, die die kulturelle Integration und die Integration in einen Arbeitsmarkt bedeuten, der sich in seinen Anforderungen von den Herkunftsländern ganz erheblich unterscheidet, sind in ihren Dimensionen nicht einmal abschätzbar. Bei der Bewertung und Zuordnung der Herausforderungen und der Lösungsansätze sollten daher alle Aspekte betrachtet werden.

Auf einen bisher zu wenig einbezogenen Gesichtspunkt möchte ich hier aufmerksam machen: Zentraleuropa hat für die Menschen aus den Krisenregionen eine erhebliche Anziehungskraft. Sie wollen nach Europa, um einer Situation zu entkommen, die das genaue Gegenteil der europäischen Alltagsrealität ist. Sie suchen Normalität und die Chance, ein
halbwegs normales Leben zu führen.

Aber ein erheblicher Teil der derzeitigen Diskussion über die Flüchtlingskrise ist angstgetrieben. Was bringen diese Menschen mit und wie werden sie sich hier verhalten? Die kulturellen Differenzen und das Konfliktpotenzial sind nicht zu unterschätzen. Die Angst vor Überforderung und Überfremdung ist verständlich. Schaffen wir das? Vielleicht wäre es hilfreich, uns ab und zu bewusst machen, wie unsere europäische und deutsche Kultur entstanden ist.

Europa und Deutschland sind seit mindestens 2000 Jahren "überfremdet"! Schauen wir doch nur auf unsere deutsche Kultur und ihre Ursprünge!

Die vorherrschende Religion wurde von einem aramäisch sprechenden Wanderprediger in Palästina begründet. Sie ist heute die Basis unserer kulturellen Identität, die wir um jeden Preis erhalten möchten. Unser politisches System entstand auf der Athener Akropolis. Die Demokratie ist nicht gerade ein einheimisches deutsches Gewächs. Es hat lange gedauert,
bis sie so wirklich Fuß fassen konnte. Aber wir möchten sie um jeden Preis erhalten. Leider haben die aktuellen
Impulse aus dieser Region nicht mehr diese Qualität.

Die Grundlagen des deutschen Rechtssystems haben ihre Wurzeln in Rom und wurden erstmals in Konstantinopel, heute Istanbul, kodifiziert und haben seitdem das einheimische germanische Recht völlig verdrängt. Zum Glück.

Unsere modernen Managementsysteme haben wir aus den USA und Japan importiert, was ein Grund dafür ist, dass die Umgangssprache in unseren Unternehmen oft besser als "Denglisch" bezeichnet werden kann.

Ich könnte diese Liste fortsetzen, zum Beispiel mit dem Zahlensystem, das aus Indien über den arabischen Raum eingewandert ist. Mit der griechischen Philosophie, die mit dem Niedergang des römischen Reiches in Europa in Vergessenheit geriet, aber deren Schriftwerke in den Bibliotheken der mohammedanischen Welt erhalten blieben und mit der Renaissance langsam wieder nach Europa zurückwanderten. Und mit der mediterranen Küche, die mit den Gastarbeitern zu uns kam und die bodenständige deutsche Hausmannskost wohltuend ergänzt und verbessert.

Den Kaffee haben wir bekanntlich vor den Toren Wiens entdeckt. Er wurde dort in der Eile zurückgelassen. Kaum eines unserer Grundnahrungsmittel hat seinen Ursprung in Europa. Jede "Einwanderung" neuer Nahrungsmittel hat die Ernährungsgrundlagen verändert und in der Summe verbessert, aber gleichzeitig auch die Grundlagen der damaligen Agrargesellschaften umgekrempelt.

Auch die Bevölkerung Europas und Deutschlands oder genauer gesagt der Landstriche, die sich im Laufe einer langen Geschichte auf den Namen "Deutschland" verständigt haben hat sich in den letzten 2.000 Jahren durch unzählige Migrationswellen verändert. Historisch betrachtet ist das normal. Stabilität über mehrere Generationen war eher die seltene Ausnahme.

Also: Das Originäre an unserer Kultur ist durch die Integration des Fremden entstanden. Alles andere ist Stillstand. Das Neue ist zunächst immer das Fremde. Deshalb ist die Frage nicht, ob sich unsere Kultur unter neuen und fremden Einflüssen weiterentwickeln wird. Die Frage kann nur lauten, wie wir die Zukunft gestalten. Oder, mit Karl Popper gesprochen, "Alles Leben ist Problemlösen".

Bei der letzten Einwanderungswelle nach Deutschland, die 1955 mit dem Anwerbeabkommen begann, ist einiges schlecht gelaufen. Das hatte seine Ursache auch darin, dass es sehr lange gebraucht hat, bis in Deutschland eine simple Tatsache als solche akzeptiert wurde: Deutschland ist und war ein Einwanderungsland.

Wir haben in den 60er Jahren und danach so getan, als wären die Fremden nur vorübergehend hier. Auch die "Gastarbeiter" haben lange die Fiktion aufrechterhalten, dass sie bald wieder "nach Hause" gehen würden. Beides hat die unumgängliche Integration nur unnötig erschwert und verzögert.

Aber wir können aus unseren Fehlern lernen. Das bedeutet, dass wir uns den Fakten stellen. Dazu gehört die demografische Entwicklung, der wir nur mit Hilfe von Zuwanderung begegnen können. Wir hätten dies lieber in geordneten Bahnen geregelt, aber es kam anders. Dazu gehört die immense Herausforderung, Menschen aus fremden Kulturkreisen hier eine Heimat zu bieten. Ich weiß nicht, ob wir das gut oder schlecht schaffen werden. Aber da wir keine Alternativen haben, sollten wir es besser konsequent und gut machen. Mit deutscher Gründlichkeit sozusagen.

"

Die Frau spricht der Redaktion aus der Seele. Es ist einfach grauenhaft. Das Hessische Kultusministerium verwendet inzwischen statt "Schüler und Schülerinnen" konsequent das Akronym "SuS" und überlässt es dem armen Leser, wie er damit klarkommt. Man könnte also aus den "Bürgern und Bürgerinnen" das Akronym "BuB" machen, gelesen "die Bub" oder "die B-u-B". Die hochverehrten Autoren und Autorinnen der W&B würden folglich zu den "AuA". Das tut schon richtig weh. Aber wir bekennen uns schuldig, dass wir bisher "Autorenhinweise" verschickt haben, statt gendersprachlich korrekt von "Hinweisen für ­Autoren und Autorinnen" zu sprechen. Es kommt noch schlimmer. Ich bekenne hiermit, dass ich mit meinem sofortigen Austritt aus der Redaktion gedroht habe, falls meine Texte in irgendeiner Form auf Gendergerechtigkeit überarbeitet oder neudeutsch "gegendert" werden. Es reicht. Ich werde weiter von "Politikern" reden, wenn ich Männer und Frauen meine, die dieser Kaste angehören. Oder umgangssprachlich von Chefs, wenn ich männliche und weibliche Führungskräfte meine. Die penetrante Verwendung von weiblichen und männlichen Varianten bei der Bezeichnung von Personen, Berufen oder was noch so alles vorkommen kann, war und ist auf dem Weg zur Chancengleichheit der Geschlechter nicht hilfreich.

Die deutsche Sprache ist nicht das Problem. Das Problem ist die Annahme, mit den Worten "die Schüler der Realschule" oder "die Bürger des Landes" seien nur die männlichen Schüler respektive Bürger gemeint. Die Ergänzung der weiblichen Form "die Schüler und Schülerinnen der Realschule" und "die Bürger und Bürgerinnen des Landes" trägt erheblich dazu bei, Sprache sperriger zu machen. Sie leistet keinen Beitrag zur Umsetzung der Gleichberechtigung. Es ist eine Marotte des Zeitgeistes.



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