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W&B gehört seit 1948 zu den renommiertesten Fachzeitschriften der Beruflichen Bildung!

Aller guten Dinge sind 13

Jürgen Hollstein

ALLER GUTEN DINGE SIND 13

Triskaidekaphobiker also Zeitgenossen, die unter der abergläubischen Angst vor der Zahl Dreizehn leiden haben in diesem Jahr schlechte Karten, erst recht, wenn sie mit der Neuordnungsarbeit in der beruflichen Bildung befasst sind. Natürlich ist es reiner Zufall, dass passend zur Jahreszahl in diesem Jahr gleich dreizehn neue oder modernisierte Berufe an den Start gingen.

Besondere Beachtung hat sicherlich die neue zweijährige Fachkraft für Metalltechnik gefunden, bei der es gelungen ist, elf Berufe, deren Ausbildungsordnung teilweise noch aus den vierziger Jahren stammte, zu einem neuen attraktiven Beruf zusammenzufassen. Mit dem ebenfalls neuen Beruf des Stanz- und Umformmechanikers sowie der modernisierten Ausbildungsordnung für den Fertigungsmechaniker ergeben sich in der industriellen Fertigung neue, interessante Berufsbilder, die von den ausbildenden Unternehmen zukünftig mit Leben gefüllt werden. Rechtliche Vorgaben machten die Neuordnung der luftfahrttechnischen Berufe des Fluggerätmechanikers und Fluggerätelektronikers erforderlich.

Mit der Einführung neuer Wahlqualifikationen für Content-Erstellung, Social Media und 3-D-Grafikerstellung in die Ausbildungsordnung Mediengestalter Digital und Print wurde dem Wandel des Internets von einer Informations- und Wissensplattform hin zu einem Kommunikations- und Kooperationsmedium entsprochen. In diesem Zusammenhang wurden die bisherigen Ausbildungsberufe Dekorvorlagenhersteller, Fotolaborant und Fotomedienlaborant aufgehoben. Die entsprechenden Qualifikationen finden sich in neuen Wahlqualifikationen im Beruf des Mediengestalters Digital und Print wieder.

Auch zwei grüne Berufe standen zur Überarbeitung an. Die aus dem Jahr 1967 stammende Ausbildungsordnung des landwirtschaftlichen und landwirtschaftlich-technischen Laboranten wurde in die moderne Ausbildung zum Pflanzentechnologen überführt, für die milchwirtschaftlichen Laboranten wurde nach 25 Jahren die AO überarbeitet. Ebenfalls im Getränkesektor ist der neue Beruf des Weintechnologen zu finden. Mit der Aktualisierung der Ausbildungsordnung von 1982 wurde gleich die eher missverständliche Berufsbezeichnung des Weinküfers korrigiert. Fachkräfte dieses Berufs stellen keine Fässer her, wie häufig vermutet wurde, sondern Wein und Sekt. Sie übernehmen alle Arbeiten ab der Kellertür . Weitere in diesem Jahr modernisierte Berufe sind der Klempner, der Kraftfahrzeugmechatroniker, der Orthopädietechnik-Mechaniker sowie der Werkstoffprüfer.

Das Megaprojekt der Modernisierung der Büroberufe siehe separaten Beitrag in dieser Ausgabe der W&B konnte fertig gestellt werden. Um allen Beteiligten eine angemessene Vorlaufzeit bis zum Beginn der Ausbildung nach neuer AO zu gewährleisten, wurde das Inkrafttreten des Berufs "Kaufmann/-frau für Büromanagement" für 2014 vereinbart.

Für das kommende Jahr ist darüber hinaus mit zwanzig weiteren Verordnungen zu rechnen. Mit rund 15.500 Ausbildungsverhältnissen bilden die Kaufleute für Versicherungen und Finanzen eine große Gruppe. Hintergrund der Teilnovellierung sind u. a. veränderte Erwartungshaltungen der Kunden an die Dienstleistung Versicherung sowie geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen. Eine noch größere Zahl von Ausbildungsverhältnissen (ca. 16.500) findet sich in den sog. ReNoPat-­Berufen , die die Fachangestellten von Rechtsanwälten, Notaren und Patentanwälten umfassen. Die zuletzt 1987 überarbeitete ReNoPat-Ausbildungsordnung weist nicht zuletzt aufgrund der in den letzten 25 Jahren erheblich veränderten Anforderungen im Arbeitsalltag großen Aktualisierungsbedarf auf.

Die im vergangenen Jahr erfolgte Modernisierung beim Kfz-Mechatroniker zog die Neuordnung drei weiterer fahrzeugtechnischer Berufe nach sich. Zusätzlich zu den üblichen Anpassungen an die rasche technische Entwicklung in der Fahrzeugtechnik kommen besondere Herausforderungen aus der Hochvolttechnik und Elektroenergie bei den Antrieben auf den Karosserie- und Fahrzeugbaumechaniker, den Mechaniker für Land- und Baumaschinentechnik sowie den Zweiradmechatroniker zu. In diesen drei Berufen werden derzeit über 14.000 Jugendliche ausgebildet.

Der traditionelle Beruf des Dachdeckers erfährt vor allem durch die neuen technischen Anforderungen an Energieeinsparung, vermehrte Installation von Photovoltaik- und Solaranlagen sowie energetische Maßnahmen an Gebäudehülle und Dächern einen deutlichen Neuordnungsbedarf. In diesem klassischen Handwerksberuf nahmen im vergangenen Jahr fast 3.600 junge Menschen ihre Ausbildung auf, darunter immerhin fast 50 junge Frauen. Insgesamt befinden sich über 8.500 Dachdecker in der Ausbildung.

Eine fast hundertprozentige Frauenquote findet sich bei den Modenäherinnen und Modeschneiderinnen. Die insgesamt knapp 400 Auszubildenden erhalten im nächsten Jahr ebenfalls eine neue Ausbildungsordnung, die die technischen Neuerungen und Anpassungen im betrieblichen Alltag berücksichtigt.

Im verhältnismäßig jungen Beruf der Fachkraft für Veranstaltungstechnik mit gut 3.000 Auszubildenden wird nach den Erfahrungen der letzten Jahre eine Neujustierung in Richtung eines Monoberufs vorgenommen.

Weitere im Neuordnungsverfahren befindliche Berufe sind der Betonfertigteilbauer und Werksteinhersteller, die Fachkraft für Lebensmitteltechnik sowie der Süßwarentechnologe, der Gießereimechaniker, Holzmechaniker und Polsterer, Letzterer immerhin mit 90 neuen und insgesamt rund 260 Ausbildungsverhältnissen.

Es verwundert nicht, dass die Zahl der Auszubildenden in einem sehr spezialisierten Beruf wie dem des Zupfinstrumentenmachers eher überschaubar bleibt. Gerade einmal neun neue Ausbildungsverhältnisse wurden 2012 geschlossen, insgesamt gibt es 15 Auszubildende, die Zupfinstrumente wie Gitarren, Zithern, Mandolinen Harfen und einige andere herstellen, reparieren und restaurieren. Gerade dieser Beruf macht deutlich, warum die pauschale Forderung nach einer Reduzierung der Anzahl der derzeit rund 330 Ausbildungsberufe manchmal ins Leere geht. Der Bedarf der Zupfinstrumentenbauer in Deutschland ist sicherlich überschaubar, aber er ist vorhanden. Es wäre sicherlich ein Verlust der Vielfalt klassischer Ausbildungsberufe, wenn es ihn nicht mehr gäbe. Die kurz aufflackernde Diskussion, dass der Gitarren- und der Harfenbauer doch kaum Gemeinsamkeiten haben und sich eigentlich in separaten Berufen wiederfinden müssten, stellt dabei sicherlich die andere Seite einer extremen Sichtweise dar.

Für diejenigen, die sich mit der Neuordnung von Ausbildungsberufen im dualen System beschäftigen, wird die Arbeit so schnell nicht ausgehen. Kannte Sisyphos die Ordnungsarbeit in der Berufsbildung? Egal wir können aber erahnen, warum Camus ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen wollte.