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Ausbildungsqualität

Im Interview: Barbara Hemkes

AUSBILDUNGSQUALITÄT:

ENTWICKLUNGSLINIEN, HERAUSFORDERUNGEN UND LÖSUNGSANSÄTZE

 

Spätestens die Novellierung des BBiG im Jahre 2005 und die Auseinandersetzung über einen Europäischen und Deutschen Qualifikationsrahmen (EQR bzw. DQR) sowie über das Europäische Leistungspunktesystem in der Berufsbildung (ECVET) betonen die Aufgabe von Bund, Ländern, Kammern, Verbänden, Sozialpartnern und ausbildenden Betrieben, auf eine stetige Entwicklung der Qualität der beruflichen Bildung hinzuwirken. Seitdem hat sich viel getan: Qualitätsentwicklung und -sicherung in der betrieblichen Berufsausbildung waren von November 2010 bis November 2013 Thema eines Modellversuchsprogramms. In unterschiedlichen Berufsfeldern und Branchen unterstützten zehn Modellversuche kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der Entwicklung und Erprobung neuer Lösungen zur Optimierung ihrer Ausbildungspraxis. Die Beiträge im Themenschwerpunkt in diesem Heft geben einen Einblick in die Ergebnisse.

 

Im Interview erklärt Barbara Hemkes, Leiterin des Arbeitsbereichs Qualität, Nachhaltigkeit, Durchlässigkeit im BIBB, warum das Thema Ausbildungsqualität derzeit auf der bildungspolitischen Agenda steht.

Frau Hemkes, im Bereich der beruflichen Bildung ist in Bezug auf Qualitätsentwicklung viel in Bewegung. Warum ist das Thema wichtig?

Es gibt drei Gründe, aus denen das Thema wichtig ist:
Erstens, die Wirtschaft benötigt zunehmend gut ausgebildete Fachkräfte, insbesondere auch, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Um die Fachkräfte, die eben nicht akademisch ausgebildet sind, stellen zu können, brauchen wir eine hochwertige berufliche Ausbildung.

Zweitens müssen wir die Attraktivität der beruflichen Bildung steigern. Die Ausbildung ist in den letzten Jahren unter Druck geraten. Viele Jugendliche entscheiden sich für ein Hochschulstudium, anstatt sich dual ausbilden zu lassen. Hier muss auch über die Qualität der Ausbildung deutlich gemacht werden, dass die berufliche Bildung eine gute Alternative zum Studium ist.

Einen dritten Punkt würde ich mit dem Stichwort Durchlässigkeit beschreiben  und zwar in alle Richtungen: Innerhalb der beruflichen Bildung, im Übergang von beruflicher zur hochschulischen Bildung, aber auch im Kontext der europäischen Mobilität braucht es Vertrauen und eine Zuverlässigkeit hinsichtlich dessen, was gelehrt und gelernt wird. Dafür sind Mechanismen zur Qualitätssicherung notwendig.

Im Modellversuchsprogramm wurden vielfältige Wege aufgezeigt, um die Ausbildungsqualität in KMU zu optimieren. Worauf lag der Fokus?

Im Wesentlichen wurden drei Wege beschritten: Ein Schwerpunkt waren Ansätze zur Qualifizierung des ausbildenden Personals. Wie kann es unterstützt werden, um die Qualität in der Ausbildung sicherzustellen? Hier ging es darum, die ­pädagogischen Kompetenzen des ausbildenden Personals zu stärken.

Ein zweiter Schwerpunkt lag auf der Nutzbarmachung systemischer oder zumindest systematischer Ansätze von Qualitätssicherung für KMU. Während große Unternehmen häufig bereits Qualitätsmanagementsysteme einsetzen  auch für die berufliche bzw. betriebliche Bildung  , ist das für KMU häufig nicht leistbar. Es wurden Ansätze entwickelt, um diese Systeme für KMU handhabbar zu machen.

Ein dritter Fokus lag auf der Stärkung der Lernkooperation. Nicht nur der Kooperation zwischen Betrieb und Berufsschule, sondern auch der Förderung regionaler oder branchenorientierter Netzwerke, die Qualität in der Ausbildung sicherstellen und weiterentwickeln.

Die Entwicklungspartnerschaften konnten für ihre Arbeit auf eine breite Unterstützung u. a. von Unternehmen, Kammern und Gewerkschaften zurückgreifen. Wer kann von den Ergebnissen besonders profitieren?

Modellversuche entwickeln und erproben Innovationen aus der Praxis für die Praxis der beruflichen Bildung. Folglich profitieren zuerst die Betriebe, die Ausbilder/innen und die Auszubildenden. Ich möchte dies an einem Beispiel erläutern: Im Modellversuchsprogramm hat sich herausgestellt, dass regelmäßige und systematisierte Formen von Feedback zwischen ausbildendem Personal und Auszubildenden für die Qualität der Ausbildung sehr wichtig sind. Dadurch wird eine Win-win-Situation hergestellt: Beide Seiten profitieren.

Modellversuchsprogramme zielen zudem darauf ab, Empfehlungen an die Politik zu formulieren. Das bezieht sich sowohl auf die Weiterentwicklung der Ordnungsmittel und rechtlichen Rahmenbedingungen als auch beispielsweise auf die Gestaltung regionaler Kooperationen, die betriebliches Lernen fördern.

Nicht zuletzt profitiert die Forschung, indem Forschungs- und Entwicklungsbedarfe formuliert werden. Auch bezüglich der Theorieentwicklung zur Qualitätssicherung und -entwicklung wurden neue Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht.

Im Rahmen der europäischen Qualitätsinitiative EQAVET werden die Ergebnisse des Modellversuchsprogramms auch für europäische Partner nutzbar gemacht. Welche Bedeutung hat der europäische Austausch in diesem Tätigkeitsfeld?

Die berufliche Bildung kann nur dann erfolgreich sein, wenn ihre Qualität verlässlich nachgewiesen werden kann. Das ist gerade im Kontext einer zunehmenden Orientierung auf dualisierte berufliche Ausbildung  also einer Ausbildung, bei der die betriebliche Bildung eine größere Rolle spielt  von zentraler Bedeutung: Wenn Bildung die Schulen verlässt und in die Hände der Betriebe gegeben wird, dann müssen sich alle Partner darauf verlassen können, dass die Betriebe das Lernen verlässlich gestalten können. Das erfahren wir auch bei den Kooperationsbeziehungen, die Deutschland mit anderen Ländern eingegangen ist.

Was können wir in Europa voneinander lernen?

Wir haben in Deutschland eine langjährige Erfahrung in der dualen Ausbildung, die wir einbringen können. Das Modellversuchsprogramm selbst bespielt ein im europäischen Kontext weitgehend unbearbeitetes Feld  nämlich die betriebliche Ausbildung. Wir haben hier Pionierarbeit geleistet, wenn wir die Ergebnisse im europäischen Kontext umsetzen. Qualitätssicherung und -entwicklung muss aus einem pädagogischen Blickwinkel betrachtet werden: Was heißt das eigentlich für eine pädagogisch-didaktische Gestaltung von Ausbildung im Betrieb? Das ist etwas, das in vielen europäischen Ländern großen Anklang findet. Es geht hier also nicht allein um das Denken auf der systemischen Ebene, sondern auch um den pädagogischen Part dabei. Hier sollten wir anknüpfen. 

Das Interview führte
Claudia Gaylor