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Fachkräftemangel

Im Interview: Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer

ES GEHT UM UNSERE ZUKUNFT!

 

Wie steht es um die Versorgung mit Fach- und Führungskräften in der Wirtschaft? Wir haben keinen konjunkturbedingten Mangel an Nachwuchs, sondern ein grundlegendes strukturelles Problem und müssen handeln, damit dies nicht zum Normalzustand wird. Unser Wohlstand steht auf dem Spiel, sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

 

Herr Kramer, ist Fachkräftemangel aus Sicht der Arbeitgeber nicht eher ein Normalzustand, über den man mehr oder weniger laut klagt jedenfalls, wenn es gerade keine aktuelle Krise gibt?

Kramer: Unternehmen haben zunehmend Probleme, genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Das zeigen Unternehmensbefragungen und bestätigt auch eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit. Rückläufige Bewerberzahlen in der dualen Ausbildung, zu geringe Absolventenzahlen in MINT-Studiengängen und alternde Belegschaften in den Unternehmen tragen dazu bei, dass Fachkräfteengpässe in Deutschland nicht mehr ein konjunkturelles Phänomen, sondern ein strukturelles Problem sind. Der demografische Wandel führt dazu, dass sich die Lage zukünftig noch weiter verschärft. Wir können uns nicht erlauben, dass dies zum Normalzustand wird. Um Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand in unserem Land zu sichern, müssen wir im In- und Ausland zusätzliche Fachkräfte gewinnen. Nur wenn wir auf bessere Bildung, die Ausschöpfung aller inländischen Potenziale sowie gleichzeitig auf qualifizierte Zuwanderung setzen, können wir die Herausforderungen erfolgreich meistern.

Ist dieser Engpass vielleicht "hausgemacht", weil es an Engagement in der Ausbildung fehlt?

Kramer: Die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft ist ungebrochen. Zwischen 2006 und 2012 haben vier von fünf ausbildungsberechtigten Betrieben kontinuierlich oder mit Unterbrechung ausgebildet. Der Überhang an unbesetzten Ausbildungsplätzen gegenüber unvermittelten Bewerbern hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen von 1.600 im Jahr 2009 auf 12.500 im Jahr 2013. Vor allem die Branchen, in denen der Mangel an qualifizierten Fachkräften besonders hoch ist, engagieren sich für Ausbildung.

Deutschland scheint international wieder als Zuwanderungsland attraktiv zu werden. Ist das die Lösung, oder fangen hier nicht neue Probleme an?

Kramer: Wir sind allein schon angesichts der demografischen Entwicklung dringend auf Zuwanderung angewiesen. Es ist daher ein großer Erfolg, dass die Zuwanderungszahlen in den letzten beiden Jahren wieder spürbar gestiegen sind. Besonders erfreulich ist, dass heute vor allem deutlich mehr gut qualifizierte Menschen nach Deutschland kommen, um hier zu leben und zu arbeiten. Dies ist auch den richtigen Reformen im Zuwanderungsrecht in den letzten Jahren zu verdanken, für die sich gerade die Arbeitgeber eingesetzt hatten. Gut qualifiziert zu sein, ist einer der Schlüsselfaktoren für eine schnelle und erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist das Beherrschen der deutschen Sprache. Die Angebote zur Sprachförderung müssen deshalb ausgebaut werden.

Brain Gain versus Brain Drain: Deutschland verliert junge Menschen, aber es holt auch junge Fachkräfte aus dem europäischen Ausland. Sinnvoller internationaler Austausch oder der Beginn eines Wettbewerbs um die Jugend?

Kramer: Für die international aufgestellte, vernetzte Exportnation Deutschland wird es immer wichtiger, auch hoch motivierte Fachkräfte mit Auslandserfahrung zu gewinnen. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, wenn junge Menschen aus Deutschland für eine Zeit ins Ausland gehen und mit neuen Kompetenzen zurückkommen. Es sollte gerade innerhalb des europäischen Binnenmarkts noch mehr zur Normalität werden, dass junge Menschen aus unseren europäischen Partnerländern nach Deutschland kommen und hier eine Ausbildung absolvieren und arbeiten sowie im Gegenzug junge Menschen aus Deutschland beispielsweise auch nach Frankreich, Spanien oder Polen gehen. Selbstverständlich stehen wir bei unseren Bemühungen um eine arbeitsmarktorientierte Zuwanderung auch im härter werdenden Wettbewerb mit anderen Industrieländern um die besten Talente und Fachkräfte. Dies gilt gerade für traditionelle Einwanderungsländer wie die USA, Kanada oder Australien. Darum wird es künftig noch mehr darauf ankommen, dass die Willkommenssignale wie die Reformen im Zuwanderungsrecht und die verbesserte Anerkennung ausländischer Abschlüsse besser bei den Fachkräften im Ausland, insbesondere auch über Europa hinaus, ankommen.

Einerseits Rente mit 63, andererseits arbeiten Menschen wieder länger: Wollen wir oder müssen wir länger arbeiten?

Kramer: Die demografische Entwicklung, wachsende Fachkräfteengpässe und nicht zuletzt ein Blick auf die Finanzierbarkeit unserer sozialen Sicherungssysteme machen es einfach notwendig, dass wir länger arbeiten. Dies ist aber nicht nur nötig, sondern auch möglich. Studien mit 55- bis 70-Jährigen zeigen uns, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer grundsätzlich die Potenziale und Ressourcen haben, die sie für eine verlängerte Lebensarbeitszeit brauchen. Und nicht zuletzt wollen viele Ältere auch länger arbeiten, als vielfach von der Politik suggeriert: Die wichtigste Motivation für diese Silver Workers sind Freude an der Arbeit, soziale Kontakte und nicht zuletzt der Wunsch, geistig fit zu bleiben. Diese Chance wollen und müssen die Unternehmen im Interesse aller künftig noch stärker nutzen.

Das Angebot an Fachkräften hat auch etwas mit Chancen zu tun. Angesichts der fast stagnierenden Zahlen von Frauen in Führungspositionen wir schauen da mal auf die DAX30-Unternehmen  scheint aber alles so weiter zu laufen, wie gehabt. Oder können Sie hier eine wirkliche Veränderung ausmachen?

Kramer: Noch ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen insgesamt nicht so hoch, wie wir uns das alle wünschen. Wir sind aber auf einem guten Weg. So stieg der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-30-Unternehmen allein zwischen 2011 und 2013 immerhin von 3,7 Prozent auf 6,3 Prozent sowie in den Aufsichtsräten von 15,7 Prozent auf rund 22 Prozent an. Dies ist angesichts des insbesondere im produzierenden Gewerbe oft geringen Anteils von Frauen an der Belegschaft eine durchaus positive Entwicklung. Die Unternehmen wissen, wie wichtig es ist, Frauen gezielt zu fördern, und machen hier vielfältige Angebote von der familienfreundlichen Arbeitszeitgestaltung bis hin zu Mentoring-Programmen.

Welche Forderungen stellen Sie in diesem Zusammenhang an die Politik?

Kramer: Die Politik sollte die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich die Erwerbsbeteiligung und Karriereentwicklung von Frauen kontinuierlich und nachhaltig verbessern können und mehr Frauen überhaupt erst in Positionen gelangen können, die sie für eine Tätigkeit im Vorstand oder Aufsichtsrat eines Unternehmens qualifizieren. Gesetzliche Quotenvorgaben sind dafür der falsche Weg, da sie lediglich die Symptome bekämpfen. Es macht doch keinen Sinn, Quoten vorzugeben, wenn zum Beispiel wegen des Berufswahlverhaltens von Frauen Bewerberinnen überhaupt nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Ebenso wenig beseitigt eine Quote die strukturellen Defizite, um Familie und Beruf besser unter einen Hut zu bringen. So haben wir beispielsweise zu wenig bedarfsgerechte und hochwertige staatliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Ganztagsschulen.

Über 50 Prozent eines Jahrgangs beginnen inzwischen ein Studium. Brauchen wir die alle auf dem Arbeitsmarkt, und wer will in Zukunft noch Facharbeiter werden?

Kramer: Es ist kontraproduktiv, die akademische gegen die berufliche Bildung auszuspielen. Die Wirtschaft braucht sowohl akademisch als auch beruflich ausgebildete Fachkräfte. Die Signale des Arbeitsmarktes wie eine geringe Arbeitslosenquote bei Akademikern zeigen, dass die Hochschulen nicht über Bedarf ausbilden. Wir leisten uns aber weiterhin rund 50.000 Schulabbrecher pro Jahr und fast 20 Prozent nicht ausbildungsreife Schulabgänger sowie 1,3 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsabschluss. Hier müssen wir Instrumente wie das Angebot an zweijährigen Berufen und Ausbildungsbausteinen weiter ausbauen. Vor allem aber muss es den Schulen besser als bisher gelingen, die Ausbildungsreife der jungen Menschen sicherzustellen.

Tut die Politik das Richtige? Eine wirkliche Berufsorientierung an Schulen scheint immer noch nicht stattzufinden.

Kramer: Zur Ausbildungsreife gehört eine fundierte und praxisnahe Berufsorientierung. Auch die Gymnasien, die sich mit Anmeldezahlen in den Großstädten von 50 Prozent bis vereinzelt sogar 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler zur neuen Regelschule entwickelt haben, müssen neben der Studienorientierung auch eine ordentliche Berufsorientierung anbieten und das auch schon für die 12- bis 15-Jährigen vor der mittleren Reife. Zahlreiche Jugendliche bewerben sich jedes Jahr für ihren Traumberuf, finden dann aber aufgrund großer Konkurrenz keinen Ausbildungsplatz. Gleichzeitig bleiben Stellen in verwandten Berufen unbesetzt, da viele Jugendliche diese nicht kennen. Eine gute Berufsorientierung kann hier steuernd wirken.o


Die Fragen stellte
Charlotte B. Venema.