Startseite | Service-AGB-Datenschutz-Versandkosten | Mediainformationen | Autoreninfos | Impressum

W&B gehört seit 1948 zu den renommiertesten Fachzeitschriften der Beruflichen Bildung!

Jugend ist anders!

Im Interview: Dr. Klaus Hurrelmann

JUGEND IST ANDERS!

 

Ein Nebeneffekt der steigenden Lebenserwartung und verlängerten Lebensarbeitszeit ist, dass sehr unterschiedlich geprägte Generationen im Arbeitsleben aufeinandertreffen. Die Spanne kann bis zu 50 Jahre betragen. Bildungskonzepte werden jedoch von denen geschrieben, die häufig wenig über die Prägungen der Generation wissen, die sie auf das Berufsleben vorbereiten. Deshalb fragen wir Prof. Hurrelmann, einen ausgewiesenen "Jugendforscher". Was wollen die überhaupt? Und warum?

 

 

Herr Hurrelmann, seit wann gibt es Jugendforschung, und worüber kann sie Auskunft geben?

Hurrelmann: Die Jugendforschung gibt es so lange, wie es die Lebensphase Jugend gibt. Diese ist in der Breite der Bevölkerung erst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, vor allem durch die Einrichtung von Schulen und später durch die Festsetzung einer Schulpflicht. In der Industriegesellschaft war es nicht mehr möglich, ohne ein Mindestmaß an theoretischer Qualifikation in einen Beruf überzugehen. Die Einrichtung von Schulen war in diesem Sinne gewissermaßen auch die Geburtsstunde der Lebensphase Jugend.


Wie lange beschäftigen Sie sich mit dem Thema?

Hurrelmann: Von Beginn meiner beruflichen Laufbahn an, also schon seit den 1970er Jahren.

Gibt es tatsächlich gravierende Veränderungen in der Einstellung der einzelnen Generationen, oder ist das eher eine Frage der Selbstdarstellung?

Hurrelmann: In Abständen von etwa 30 Jahren lassen sich selbstverständlich Unterschiede in der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Lebenslage von jungen Menschen identifizieren. Sie werden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, ihren Einstellungen und ihrer Mentalität durch diese Bedingungen stark geprägt. Die Großeltern der heutigen Jugendlichen erlebten den wirtschaftlichen und politischen Niedergang in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Eltern der heutigen Jugendlichen wuchsen in der Zeit des Wirtschaftswunders auf. Beide Voraussetzungen haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten geprägt: die so genannte skeptische Generation der Nachkriegszeit und die auf eine hohe Lebensqualität ausgerichtete "Generation Golf".

Was hat die heutige Generation geprägt?

Hurrelmann: Die heutige junge Generation ist in einer Zeit internationaler Spannungen und Kriege, terroristischer Anschläge und wirtschaftlicher Krisen groß geworden. Sie hat in den letzten 15 Jahren eine tiefgehende Arbeitslosigkeit ertragen müssen. Diese Ausgangssituation hat bei den jungen Leuten einen nüchternen und pragmatischen Wirklichkeitssinn entstehen lassen. Um unter ungünstigen Ausgangsbedingungen dennoch einen Arbeitsplatz erhalten zu können, haben große Teile der jungen Generation ihre Bildungsanstrengungen sehr stark erhöht. Wir haben es heute mehrheitlich mit einer ehrgeizigen und konstruktiven jungen Generation zu tun, die hoch motiviert ist und unbedingt in den Beruf hineinmöchte. Zugleich aber fällt auf, dass sich etwa 15 20 % der jungen Leute den hohen Anforderungen nicht gewachsen fühlen.

Schauen wir einmal genauer auf die Gruppe der hoch motivierten Bildungsaufsteiger. Wo liegen deren Prioritäten? Was macht einen Arbeitgeber für diese Jugendlichen besonders attraktiv?

Hurrelmann: Die hoch motivierten jungen Leute haben, unterstützt durch ihre Eltern, besonders intensiv auf die Krisenzeiten reagiert. Jahr für Jahr steigt der Anteil der Jugendlichen, die hochwertige Bildungsgänge und Qualifikationszertifikate erwerben. Der Bildungsgang der Hauptschule wird immer unattraktiver. Auch die Realschulen büßen an Anziehungskraft ein. Demgegenüber wächst die Quote der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten kontinuierlich an. Seit 1995, als die Krise am Arbeitsmarkt begann, stieg der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die das Fachabitur oder das Abitur erwerben, jedes Jahr um fast einen ganzen Prozentpunkt an. Heute erwerben schon über 50 Prozent aller Schulabsolventen die Hochschulzugangsberechtigung. Und wer diese einmal in der Tasche hat, will auch studieren, wie alle Studien nachdrücklich zeigen.

hier PDF herunterladen [1,0 MB]

Die Bildungsaufsteiger beschleunigen also den Trend zum Studium?

Hurrelmann: So ist es. Die Akademisierung der beruflichen Qualifikation wird von der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) seit Jahren mit dem Argument propagiert, moderne Volkswirtschaften könnten nur so auf die komplexen Arbeitsanforderungen und die internationale Verflechtung der Absatzmärkte reagieren. Deutschland hat im internationalen Vergleich einen sehr niedrigen Anteil von Studierenden; er liegt bei gut 50 Prozent, während er im Durchschnitt der OECD-Länder 65% beträgt. Es scheint fast so, als ob die jungen Leute in Deutschland auf die Mahnungen der OECD hörten, den Rückstand der Studierendenzahlen gegenüber vergleichbaren Ländern so schnell wie möglich aufzuholen. Die Akademisierungswelle jedenfalls rollt heftig und unaufhaltsam.

Das traditionelle System der Berufsausbildung gerät dadurch in arge Bedrängnis. Nur noch ein Viertel der Schulabsolventen entscheidet sich dafür, Tendenz schnell fallend. Da die jungen Leute gleichzeitig aus zahlenmäßig schwachen Jahrgängen stammen, wird die Decke der Nachwuchskräfte dünn. Konnten praktisch alle Unternehmen noch vor vier Jahren zwischen vielen Bewerberinnen und Bewerbern wählen, darunter einer ausreichenden Zahl von sehr gut qualifizierten mit Abitur, und diejenigen mit den besten Voraussetzungen einstellen, sieht das heute in vielen Branchen und Regionen schon anders aus. Von immer mehr Unternehmen wird bekannt, dass sie Probleme habenfreie Arbeitsplätze zu besetzen. Die von ihnen begehrten Kandidatinnen und Kandidaten sitzen in den Hochschulen.

Viele Unternehmen beklagen, dass diese Jugendlichen das Studium einer dualen Berufsausbildung vorziehen. Haben wir es hier mit einem massiven Imageverlust der beruflichen Bildung zu tun?

Hurrelmann: Es ist leider ganz eindeutig: Das Duale System wird unattraktiver. Aus der jüngst vorgelegten McDonald s Ausbildungsstudie, die auf einer Allensbach-Befragung von 3000 15- bis 25-Jährigen beruht, lässt sich das deutlich ablesen. Die Mehrheit der jungen Leute will inzwischen studieren. Von der beruflichen Ausbildung fühlt sich nur noch eine Minderheit angesprochen. Den jungen Leuten sitzt eben die Krise der letzten 15 Jahre im Nacken: Seit den 1990er Jahren war für fast ein Viertel der Angehörigen der jungen Generation der Übergang von der Bildungs- in die Arbeitswelt schwierig bis unmöglich. Die Jahrgänge im vereinten Deutschland waren zahlenmäßig sehr stark, und die vielen jungen Männer und Frauen stießen auf einen für sie viel zu kleinen Arbeitsmarkt. Dadurch wurden viele Unternehmen verwöhnt, sie konnten aus einem großen Pool von Gymnasiasten und guten Realschülern die besten Köpfe herausgreifen. Dabei vergaßen sie, das System der beruflichen Ausbildung selbst zu reformieren und auf den Wandel einzustellen. Sie haben es noch nicht geschafft, sich auf die seit etwa 2009 völlig veränderten Bedingungen am Arbeits- und vor allem Ausbildungsmarkt umzustellen.

Der Wettbewerb unter Arbeitgebern um die am besten qualifizierten Bewerber wird also härter werden. Was gibt also für diese Generation den Ausschlag für die Wahl des Arbeitgebers: die Chance auf die große Karriere, Familienfreundlichkeit, Image, Geld, Macht?

Hurrelmann: Ein Unternehmen muss heute vor allem einen Arbeitsplatz mit Zukunftsperspektive, ein sehr gutes Arbeitsklima, viel Entscheidungsspielraum, Möglichkeiten der kreativen Entfaltung, die Vereinbarkeit von Privatleben und Berufstätigkeit, moderne Personal- und Gesundheitsförderung und gute Aufstiegsmöglichkeiten anbieten, wenn es Nachwuchs gewinnen will. Allein ein gutes Gehalt bringt es nicht, denn die jungen Leute sind nur in Maßen materialistisch eingestellt.

Bleibt Arbeitgebern noch etwas anderes übrig, als sich auf akademische Qualifikationen umzustellen, auch wenn ein gut qualifizierter Facharbeiter genauso geeignet wäre?

Hurrelmann: Die Arbeitgeber können den Trend zur Akademisierung nicht aufhalten, aber sie können mitwirken, ihn sinnvoll zu gestalten und Fehlentwicklungen einzudämmen. In diesem Bereich ist jetzt eine Bildungspolitik aus einem Guss notwendig, die nur in Kooperation von Unternehmen, Gewerkschaften sowie Bund und Ländern umgesetzt werden kann. Sie muss schon in der Mittelstufe des Schulsystems beginnen. Die Bundesländer haben mit den Umbauten bereits angefangen. Fast überall werden neben dem Gymnasium schrittweise integrierte Sekundarschulen angeboten, die aus einer Zusammenlegung von Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen entstehen. Diese Sekundarschulen bieten ebenso wie das Gymnasium einen zweiten Weg zu allen Abschlüssen einschließlich des Abiturs an, wählen für die Ausbildung aber einen anderen pädagogischen Weg. Sie stellen nämlich einen Berufs- und Praxisbezug in den Vordergrund und entscheiden sich für fachübergreifenden Unterricht im Rahmen von Projektarbeit. Damit machen sie ihre Schülerinnen und Schüler vom ersten Tag an auf die Berufswelt neugierig, ohne ihnen die Perspektive des Studiums zu verstellen.

Wie bewerten Sie in der Summe diese Entwicklung?

Hurrelmann: Sehr positiv. Ein solches "Zwei-Wege-Modell", wie ich es gerne nenne, weil neben dem klassischen akademischen Zubringerweg des Gymnasiums endlich wieder ein starker Weg über berufs- und praxisnahe Pädagogik angeboten wird, sollte sich aber unbedingt in der Oberstufe fortsetzen und in einer Kollegstufe widerspiegeln, die sich von der Gymnasialen Oberstufe unterscheidet und die Traditionen von Berufsschulen und Berufskollegs aufnimmt. Die heutigen Berufsschulen bieten sich als Oberstufen für die integrierten Sekundarschulen geradezu an. Sie sollten zu modernen Zentren der Allgemein- und Berufsbildung ausgebaut werden, die eine Scharnierfunktion zwischen Schulen, Ausbildungsbetrieben und zunehmend auch Hochschulen einnehmen. Das Duale System der Berufsausbildung kann so zu einem Bestandteil der Oberstufe weiterentwickelt werden und Abschlüsse anbieten, die potenziell auch einen Übergang in eine Hochschulausbildung anbieten. Damit kann die Akademisierungswelle so gelenkt werden, dass sie nicht an einer weiterhin guten beruflichen Qualifizierung vorbeirauscht. Auch damit haben einige Bundesländer schon angefangen: Sie haben "Duale Hochschulen" eingerichtet, die Berufsausbildung und Hochschulstudium zusammenführen. Sie bieten die Verschränkung von Wissenschaft und Berufspraxis mit der Betonung von Transferwissen und fachübergreifenden Ausbildungselementen und ermöglichen eine schrittweise Auswahl des Berufsweges.

Was machen wir mit den 15 20 Prozent, die sich überfordert fühlen? Müssen wir nicht alle erreichen?

Hurrelmann: Diese meist von Kindheit an sozial benachteiligten und von ihrem Misserfolg enttäuschten Jugendlichen sind eindeutig am schwersten anzusprechen und nur mit Mühe für Ausbildung und Beruf zu gewinnen. Sie sind durch ihr niedriges Niveau von Leistungsfähigkeit und schulischer Abschlusskompetenz gekennzeichnet. Viele von ihnen haben keinen Hauptschulabschluss und sind auch ansonsten in ihrer bisherigen Schullaufbahn mehrfach gestrandet. Bei ihnen bündeln sich alle Probleme, die beim Kompetenzprofil der jungen Generation auftreten können: Die Schreib- und Rechentechniken sind gering ausgeprägt, ebenso die kulturellen, naturwissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kenntnisse sowie die Fähigkeit zur englischen Sprache. Auch die informationstechnischen Kompetenzen sind unterentwickelt. Nicht nur im fachlichen, sondern auch im sozialen und persönlichen Bereich liegen diese Jugendlichen weit zurück. Ihre Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Freundlichkeit, Höflichkeit, Kontaktfähigkeit und Toleranz sind schwach ausgeprägt, und bei den persönlichen Kompetenzen fallen sie leider allzu oft durch Unzuverlässigkeit, begrenzte Lern- und Leistungsbereitschaft, wenig Durchhaltevermögen und Belastbarkeit, unzureichende Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, geringe Verantwortungsbereitschaft und Selbständigkeit und ein unzureichendes Maß an Kreativität, Flexibilität und Selbstkritik auf.

Vernachlässigen aber dürfen wir in Bildung, Ausbildung und Beruf diese Gruppe von Jugendlichen, die überwiegend aus jungen Männern besteht, auf keinen Fall. Wegen der demografischen Entwicklung können wir uns das auch rein zahlenmäßig gar nicht mehr leisten. Das heute in Deutschland stark ausgebaute Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung sollte deshalb nicht länger als eine Verwahrstation konzipiert, sondern in das oben angesprochene umfassende Zwei-Wege-Modell einbezogen werden. Auch sollten wir erheblich stärker als bisher gezielte Kompetenzförderungen auf der Basis von präzisen Diagnosen einleiten. Ein umfassender Beratungs- und Trainingsprozess für die Ausbilderinnen und Ausbilder wäre jetzt fällig, der vor allem auf die zielgenaue und klientengerechte Förderung ausgerichtet ist, auch die der Schwachen, wobei an die durchaus vorhandenen Stärken und positiven Eigenschaften angeknüpft werden sollte.

Sie sprechen die Qualifikation der Ausbilder an. Haben denn die Gruppen, die Jugendliche qualifizieren also Lehrer, Ausbilder und Hochschulprofessoren , selbst die richtigen Qualifikationen und Kenntnisse, um diese Generation auf das zukünftige Berufsleben vorzubereiten?

Hurrelmann: Diese Berufsgruppen in Deutschland sind im internationalen Vergleich alle hoch qualifiziert, aber sie brauchen jetzt, wie schon angesprochen, intensive Impulse für die Weiterbildung, damit sie sich auf die stark veränderten Einstellungen, Motivationen und Mentalitäten der heutigen jungen "Generation Y", wie sie oft bildhaft benannt wird, einstellen können. Neben die Erstausbildung sollten deshalb in den nächsten Jahren immer mehr Komponenten der Weiterbildung treten, die regelmäßig wiederholt werden und verpflichtend sind.

Das Interview führte Charlotte B. Venema