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Optimistisch und wenig ambitioniert

Marcus Schmitz und Charlotte Venema

Optimistisch und wenig ambitioniert

 

Die Arbeitswelt richtet sich nicht nach den Vorstellungen von ­Berufseinsteigern. Aber jede ­Generation von Jugendlichen bringt eigene Wünsche, Erwartungen und Wertvorstellungen mit in das Berufsleben, die sich teilweise signifikant von den Grundprägungen vor­heriger Jahrgänge unterscheiden. Ziel der online-Umfrage Jugend & Beruf war es, die ­aktuellen Grundmuster zu erfassen und damit Unternehmen Informa­tionen für ihr Nachwuchsmarketing zur Verfügung zu stellen.

 

Unternehmen werden ab 2014 damit konfrontiert sein, dass Jahr für Jahr weniger Berufseinsteiger nachrücken. Gleichzeitig scheiden die zunehmend geburtenstärkeren Jahrgänge ab 1950 aus der Erwerbstätigkeit aus. Im Arbeitsleben wird eine größer werdende Gruppe von Älteren einer immer kleiner werdenden Gruppe von jungen Nachwuchskräften gegenüber stehen.

Wenn die Rahmenbedingungen unverändert bleiben, sinkt gleichzeitig die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland bis 2030 im Bundesdurchschnitt um 10 bis 15 %. In einzelnen Regionen ist mit Rückgängen über 30 % zu rechnen, während die Bevölkerungszahl in den Metropolen relativ stabil bleibt. In der Summe wird es für Unternehmen immer schwerer werden, die eigenen Wunschkandidaten zu finden. Das bedeutet gute Chancen für die Jugend. Nachwuchskräfte werden zur knappen Ressource mit entsprechend zunehmenden Wahloptionen.

Aber was wollen und erwarten Jugendliche? Wie sehen sie ihre Zukunft? Über 1.600 Personen, Schüler, Azubis, Studenten und deren Eltern, haben die anonyme Online-Umfrage beantwortet . Wir stellen hier die wichtigsten Ergebnisse vor. Die gesamte Auswertung die Befragung stellen wir hier [2,4 MB] für Sie bereit.

 

Frage: Freuen Sie sich auf das ­Arbeitsleben?

Jugendliche beantworten diese Frage ganz überwiegend mit Ja (insgesamt 74 %). Mit der Nähe zum Berufseinstieg steigt der Optimismus eher noch an. Die noch etwas skeptischen Schüler (27 % weiß nicht ) werden als Studenten schon zuversichtlicher (18 % weiß nicht ). Azubis, die bereits einen besseren Blick auf die Praxis haben, sind mit 88 % Ja , 9 % Weiß nicht und nur 3 % Nein die optimistischste und glücklichste Gruppe. Je näher Jugendliche dem Arbeitsleben sind, um so mehr freuen sie sich auf den Beruf!

Eltern sind bei dieser Frage offensichtlich eher skeptisch. Glauben Sie, dass sich Ihr Kind auf das Arbeitsleben freut? , beantworten 14 % mit Nein . Das sind doppelt so viele wie unter den Jugendlichen selbst.

 

Frage: Wie fühlen Sie sich auf den ­Berufseinstieg vorbereitet?

Auch hier herrscht vorwiegend Optimismus. 75 % fühlen sich im Schnitt gut oder sehr gut vorbereitet. Azubis freuen sich nicht nur mehr auf das Arbeitsleben als Schüler und Studenten; sie fühlen sich auch signifikant besser vorbereitet (89 % gut oder sehr gut).

Das Gesamtbild ist allerdings nicht befriedigend. Jeder vierte Schüler und etwas mehr als jeder vierte Student fühlen sich schlecht bis gar nicht vorbereitet. Ein Drittel der Eltern glaubt, ihr Kind fühle sich schlecht gerüstet. Dieser Befund spiegelt sich im Schulsystem: Jährlich gehen bundesweit trotz eines stark verbesserten Angebots an Ausbildungsstellen immer noch fast 300.000 Schulabgänger ins Übergangssystem, also Maßnahmen, die sie auf eine Ausbildung vorbereiten sollen. Berufsorientierung und Vorbereitung auf das Arbeitsleben ist eine Aufgabe der allgemeinbildenden Schule, die noch immer nicht ausreichend wahrgenommen wird.

 

Frage: Wie sehen Sie Ihre beruflichen Chancen in der Zukunft?

Die Antworten entsprechen dem eben beschriebenen Muster. Optimismus überwiegt mit 77 %, Pessimismus gibt es am ehesten mit 10 % bei Studenten und Eltern, während Schüler und Azubis deutlich positiver eingestellt sind.

 

Frage: Wer hat Sie vor allem auf das ­Arbeitsleben vorbereitet?

Die Ergebnisse enthalten mehrere Überraschun­gen. Die erste ist die starke Rolle der Eltern (47 %) im Verhältnis zur vergleichsweise schwachen Rolle der Lehrer (23 %). Eltern können ihren Kindern vor allem die eigenen Erfahrungen und ihre Sicht auf den Arbeitsmarkt weitergeben. Die Rolle der Lehrer sollte es sein, den Blick der Schüler noch mehr auf das Gesamtbild zu lenken. Würde diese Aufgabe wahrgenommen, würde sich dies in deutlich höheren Werten für Lehrer spiegeln.

Völlig unerwartet ist, dass Berufsberatungen, also Arbeitsagenturen, mit 4 % im Durchschnitt der drei Gruppen Schüler, Azubis und Studenten, eine sehr geringe Rolle spielen. Da die Frage lau­tete: Wer hat Sie vor allem auf das Arbeitsleben vorbereitet, ist bei der Interpretation des Wertes Zurückhaltung geboten. Natürlich haben Eltern und Lehrer, die dauerhaft in Kontakt mit Schülern sind, deutlich höhere Werte. Allerdings war zu erwarten, dass die Berufsberatung der ­Arbeitsagenturen als professionelle Organisation, die flächendeckend eigene Beratungszentren mit niederschwelligem Zugang unterhält, in diesem Feld mehr Einfluss bei Jugendlichen hat. Aber: Freunde sind mit 8 % doppelt so wichtig. Und: Die Berufsberatung rangiert weit unter dem Internet (11 %).

Warum ist die Berufsberatung der Arbeits­agenturen als professionelle Organisation, die bundesweit und flächendeckend vertreten ist, in diesem Feld nicht mehr im Bewusstsein junger Menschen verankert?

 

Frage: Wo stellen Sie sich Ihre berufliche Zukunft vor?

Hier zeigt sich eine breite Verteilung über die Branchen. Allerdings sind der öffentliche Dienst als stärkste Gruppe (17 %) und sonstige Verwaltung (12 %) im Verhältnis zur Industrie (16 %) stark übergewichtet, während das Handwerk (3 %) in seiner Bedeutung als Arbeitgeber völlig unterschätzt wird. Die Industrie beschäftigt aktuell 6,9 Millionen Menschen, das Handwerk 5,2 Millionen, der öffentliche Dienst 4,6 Millionen. Der Selbstständige Unternehmer liegt mit ca. 8 % ganz gut im Rennen.

Auffällig ist der große Unterschied zwischen den Geschlechtern, der vor allem bei den Schülern ausgeprägt ist und sich bei Azubis und Studenten abflacht. Junge Frauen sehen ihre Zukunft weit überproportional im öffentlichen Dienst, der Verwaltung, Dienstleistungen und Tourismus. Junge Männer überwiegen in der Industrie, der Finanzwirtschaft, dem Handel und als selbständige Unternehmer.

Für die geschlechtsspezifische Verteilung gibt es keine objektiven Gründe. Sie zeigt, dass die Präferenzen der Generation, die zurzeit im Arbeitsleben steht, weitergegeben werden. Ein Befund, der gut zur starken Rolle derEltern und der schwa­chen Rolle von Berufsberatung und Schule passt.

 

Frage: Wollen Sie lieber in einem kleinen oder großen Unternehmen arbeiten?

Die Antworten auf diese Frage zeigen, dass der Mittelstand mindestens so gute bis bessere Chancen hat, Nachwuchskräfte zu gewinnen. Der Schwerpunkt liegt bei der Unternehmensgröße 11 bis 200 Mitarbeiter, gefolgt von 200 bis 1000, knapp gefolgt Großunternehmen. Dies zeigt ein interessantes Phänomen: Erfahrungsgemäß sind Großunternehmen bei Nachwuchskräften beliebter. Sie sind bekannter und haben bereits deshalb eine starke Arbeitgebermarke. Es ist aber keineswegs so, dass Nachwuchskräfte generell zu Großunternehmen streben.

Das bedeutet für den Mittelstand: Bauen Sie selbstbewusst eine Arbeitgebermarke auf! Nutzen Sie die Bekanntheit in der Region! Nachwuchskräfte schätzen Übersichtlichkeit und Transparenz des Mittelstandes!

 

Frage: Was soll Ihnen das Arbeitsleben bieten?

Bei dieser Frage konnte jeder Teilnehmer drei Themen aus einer vorgegebenen Liste auswählen. Dadurch entsteht ein Profil der Prioritäten. Auch Keine Ahnung war eine Option, die aber von exakt 0 % der Befragten gewählt wurde. Dies steht im deutlichen Kontrast zu anderen Themen, in denen insbesondere Schüler offen und ehrlich bis zu knapp 30 % mit Weiss nicht geantwortet haben. Ebenfalls mit kaum noch messbaren Werten abgewählt wurden Abenteuer und Nähe zum Elternhaus . Es handelt sich heute mithin weder um eine Generation der Nesthocker noch eine solche der Draufgänger. Im Mittelpunkt stehen moderate Themen.

 

Das Arbeitsleben soll an erster Stelle einheitlich für alle befragten Gruppen Jugendlicher Abwechslung bieten. Es soll also nicht langweilig werden. Danach folgen auf einer Stufe.

Entwicklungsmöglichkeiten, ein hohes Einkommen, Zeit für Familie, und nette Kollegen. Man gewinnt den Eindruck: Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Deutlich abgesetzt finden sich Karriere, Verantwortung und Führungsverantwortung.

Das ist nicht das Bild einer besonders ehrgeizigen Generation. Auffallend ist, dass Karriere und Führungsverantwortung , abgekoppelt von hohem Einkommen weit unterhalb der Themen, die eher Rahmenbedingungen des Arbeitsverhältnisses beschreiben, am unteren Ende der Skala eingeordnet werden.

Eltern unterscheiden sich in der Einschätzung nicht wesentlich von ihren Kindern. Sie schätzen Entwicklungsmöglichkeiten höher ein als Abwechslung, stufen Selbstverwirklichung in die Spitzengruppe ein und halten Karriere für noch weniger wichtig als ihre Kinder. Auch hohes Einkommen erscheint ihnen erkennbar weniger wichtig.

Die Umfrage sagt nichts darüber aus, wie sich die Werteskala der Jugendlichen entwickelt, sobald sie im Arbeitsleben stehen. Zusammen mit der Werteskala der Eltern wirft sie aber die Frage auf, welches Image die Themen Führung, Karriere und Verantwortung haben. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass diese Themen wenig populär sind.

 

Frage: Wie stufen Sie die Anforderungen ein, die mit dem Arbeitsleben auf Sie zukommen?

Hier bietet sich ein überraschend einheitliches Bild. Alle Gruppen einschließlich der Eltern stimmen zu knapp 90 % darin überein, dass die Anforderungen hoch sein werden. Die Angabe zu niedrig ist statistisch nicht relevant, niedrige Anforderungen erwartet nur eine kleine Minderheit. Auch Angst vor Überforderung ist lediglich ein Randthema.
 
Nur 3 % der Azubis fürchten, die Anforderungen könnten zu hoch sein. Bei Schülern und Studenten sind es 5 bzw. 6 %. Eltern machen sich mit 12 % schon eher Sorgen.

Das bestätigt das positive Gesamtbild der Arbeitswelt. Jugendliche sehen die Zukunft als anspruchsvolle Herausforderung, ohne dabei besonders ausgeprägte Ängste vor einem Einsatz unterhalb ihres Qualifikationsniveaus oder vor Überforderung erkennen zu lassen.

 

Frage: Welches Qualifikationsniveau streben Sie am Ende Ihrer Ausbildung an?

Der Trend zu höherwertigen und akademischen Qualifikationen ist deutlich ausgeprägt. Nur 8 % der Schüler nennen Facharbeiter als Ausbildungsziel. Zwei Drittel der Azubis nennen über den Facharbeiter hinausgehende Qualifikationen. Fast die Hälfte dieser Gruppe der Aufstiegswilligen strebt einen akademischen Abschluss an.


Frage: Auf welcher Ebene glauben Sie, ­werden Sie 10 Jahre nach Ihrem Berufs­einstieg arbeiten?

Hier sind die Antworten wieder auffällig moderat und passen zu den wenig ausgeprägten Ambitionen nach Karriere und Führungsverantwortung. 43 % der Azubis und 45 % der Studenten sehen sich auf einer unteren Führungsebene, die dem Meister oder Projektleiter entspricht, nur 3 bzw. 4 % ­erwarten, die oberste Führungsebene erreicht zu haben. Schüler sind da noch wesentlich ambitionierter.

Fazit:

  • Die Umfrage hat ein Stimmungsbild erhoben, das durchaus nachdenklich macht. Jugendliche erwarten, dass das Arbeitsleben hohe, aber erfüllbare Anforderungen an sie stellt. Folgerichtig streben sie eine hohe Qualifikation an. Sie schauen optimistisch in die Zukunft. Das sind gute Nachrichten.
  • Jugendliche sind aber gleichzeitig wenig ambitioniert im Hinblick auf Karriere und Übernahme von Führungsverantwortung. Sie scheinen einen eher entspannten Lebensstil zu favorisieren, was im Kontrast zur Wertschätzung eines hohen Einkommens steht.
  • Warum haben Karriere und Führungsverantwortung bei dieser Generation einen so geringen Stellenwert? Es bietet sich das Bild einer ­Wohlstandsgeneration, die hohe Freiheitsgrade und ihr Privatleben schätzt. Dass das Arbeits­leben, insbesondere in einer verantwortungsvollen Position, auch den Spaß am Gestalten bietet, ist dieser Generation zu wenig bewusst. Führungsaufgaben stellen sich bereits auf der Ebene des Teamleiters oder Meisters und sind ­keineswegs ausschließlich eine Aufgabe der obersten Ebene. Die Personalentwicklung der Unternehmen ist gefordert, Nachwuchskräfte ­frühzeitig für die Themen Führung und Verantwortung zu begeistern.
  • Diese Generation muss erst noch entdecken, dass Verantwortung und Führungspositionen Gestaltungsmöglichkeiten und persönliche Entwicklungschancen bieten, die den Einsatz wert sind. Das Gegenmodell der permanenten individuellen Einsatz-Nutzen-Optimierung verführt dagegen weniger zur aktiven Gestaltung eines Unternehmens.
  • Unternehmens-PR und Medien müssen glaubwürdige Geschichten erzählen erzählen können! , um die eher passive Grundeinstellung wieder auszuräumen.
  • Die Konsequenzen für das Nachwuchsmarketing der Unternehmen liegen in der Schwerpunktsetzung der kommunizierten Botschaften. Atmosphärische Fragen des Arbeitsverhältnisses wie Familienfreundlichkeit, Arbeitsqualität, Transparenz und Umgang miteinander sind mindestens so wichtig wie Gehalt und Position. Mittelständische Unternehmen, die eine transparente Struktur und einen persönlichen, direkten Führungsstil pflegen und flexibel auf die Lebenssituation ihrer Mitarbeiter reagieren können, sollten diese Stärken im Nachwuchsmarketing offensiv nutzen. Diese Generation schätzt Überschaubarkeit mehr als Größe.

 

Hier finden Sie die gesamte Online-Umfrage zum Download. [2,4 MB]