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Die Macht der Worte

Andrea Klasen

Als Schriftstellerin und Journalistin schreibe ich täglich. Es ist meine Passion. In diesem Artikel möchte ich Ihnen einige Geheimnisse verraten, Kniffe und ein paar Gedanken mit an die Hand geben, wie Sie eine E-Mail, einen Brief, Konzeptpapiere, Unterlagen für Seminare oder eine Pressemitteilung verständlicher und schöner schreiben. Das ist nicht schwer: Schreiben Sie einfach das, was Sie sagen wollen.

Das Problem mit dem Schreiben ist, dass wir es in der Schule oder im Studium nie richtig lernen. Als Schüler schreiben wir Aufsätze, die auf Rechtschreibfehler korrigiert werden, und der Lehrer sagt vielleicht noch dazu, während er uns das Heft auf die Schulbank wirft, ob ihm die Geschichte gefallen hat oder nicht. Im Studium lernen wir, wissenschaftlich zu schreiben: Die Texte müssen logisch sein und unsere Argumente präsentieren. Gut und schön, aber wir sollten dabei nicht immer nur die Inhalte im Kopf haben, sondern auch die Form.

Wie schreibe ich verständlich und so, dass der Empfänger meinen Text gerne liest? Und vor allem: dass der Empfänger versteht, was ich ihm mit meinem Text sagen will, denn ich möchte ja mit meinen Worten etwas erreichen. Für die Tonne will keiner schreiben.

Aber wie geht das, das Schreiben? Kaum ein Pädagoge verrät uns, wie man es besser machen kann. Wie man es schafft, dass Wörter ihren Zauber entfalten, denn Wörter sind wichtig. Hinter jedem Wort verbirgt sich ein Sinn, und man sollte sorgsam mit den Nuancen der Wörter umgehen.

Sprache braucht Bewusstsein

Während meines Literaturstudiums besuchte ich zweimal in der Woche einen Übersetzungskurs: Spanisch Deutsch. Unser Dozent war selbst Übersetzer bekannter spanischer und lateinamerikanischer Autoren. Fünfundvierzig Minuten dauerte diese Übungseinheit. Unsere Aufgabe war es, literarische Texte anspruchsvoller Schriftsteller vom Spanischen ins Deutsche zu übersetzen. Oft war es so, dass wir in dieser Dreiviertelstunde vielleicht drei oder vier Sätze übersetzten. Das war eine unglaublich gute Schule. Mit unserem Dozenten haben wir die Nuancen der Wörter herausgearbeitet. War die Frau des Romanhelden klug oder schlau? War sie traurig oder melancholisch? Hörte sich ihre Stimme gedämpft oder belegt an?

Niemals gingen wir so einfach über ein Wort hinweg. Jedes Wort hat einen Sinn, man könnte fast sagen, dass hinter jedem Wort ein ganzer Kosmos steckt. Benutzen Sie Ihre Wörter sorgsam und achten Sie darauf, was sie ausdrücken. Das beginnt oben bei der Anrede und endet mit den Grüßen ganz unten. Und: Schauen Sie, wo Sie Anglizismen verwenden und vermeiden können. Selbst hochdekorierten Bankangestellten geht es auf die Nerven, wenn sich Gesprächspartner im Jägerlatein verheddern und keiner der Kollegen mehr weiß, von was eigentlich die Rede ist. Das nervt. Aber keiner sagt es, aus Scham, blöd dazustehen. Manche Wörter aus dem Englischen bringen etwas wunderbar auf den Punkt. Learning by doing ist ein toller und wichtiger Ausdruck, aber können wir statt posten nicht einfach sagen, dass wir etwas eingestellt haben? Entwickeln Sie ein Bewusstsein für die Sprache. Für die Wörter. Denn Sie gebrauchen sie jeden Tag, und da sollte der Umgang mit ihnen Freude machen.

Sag mir, wie Du kochst

Manchmal erinnert mich die Schreibkultur an die Kochkultur. Jeder Mensch, der satt werden möchte und selbst etwas kochen will, bringt irgendetwas zustande. Er kocht halbherzig, weil wenig Zeit ist und es ihm eigentlich keinen Spaß macht. Aber besser als Tiefkühlpizza. Es wird also etwas zusammengerührt und gegessen, um satt zu werden, aber ist das ein Genuss? Regt das unsere Geschmacksnerven an? Wohl kaum. Es fehlt die Achtsamkeit für die Lebensmittel, für die Gewürze und das Zusammenspiel der beiden. Eine solche Mahlzeit schmeckt lieblos, fad, aber wir benutzen das Essen, um satt zu werden.

Genauso ist es mit dem Schreiben. Viele Menschen müssen in ihrem Berufsalltag schreiben und tun sich schwer. Jeden Tag aufs Neue. Irgendwie bekommen sie es hin, so wie sie irgendwie in der Lage sind, ein langweiliges Rührei in die Pfanne zu hauen, aber sie sehnen sich nach einem verständlichen Rezept, nach guten Zutaten, nach einer schönen Komposition. Was ihnen fehlt, ist schlicht Handwerkszeug, um verfeinern zu können.

Schwafeln Sie nicht rum!

Ich weiß, heute hat keiner mehr Zeit, E-Mails kommen rein, und man muss sie sofort beantworten. Das wird erwartet. Die Taktung des Postaustausches ist verdammt hoch. Dennoch möchte ich Sie ermuntern, fünf Minuten innezuhalten, bevor Sie in die Tasten hauen. Lehnen Sie sich zurück, ­atmen Sie aus und stellen Sie sich Ihren Empfänger vor. Überlegen Sie sich, in welchem Ton Sie den Text schreiben möchten. Wenn Sie flapsiger texten, fühlen sich dann einige auf den Schlips oder auf die Brosche getreten? Versuchen Sie die Temperatur Ihres Textes an die des Empfängers anzugleichen. Welchen Charakter hat mein Empfänger? Ist er strukturiert und klar? Dann schwafeln Sie nicht rum! Beachten Sie, ob Sie höflich sein müssen, verspielter sein dürfen, ob Ihre Worte einen gewissen Respekt zum Ausdruck bringen müssen, weil das angemessen wäre. Kurzum: Fühlen Sie sich in Ihren Empfänger ein wenig hinein. Wie müssen Sie ihn anpacken , um mit Ihrem Text etwas zu erreichen, denn das wollen Sie ja, oder? Das ist der Sinn von Texten. Und weil heute niemand mehr Zeit hat, sollte die Botschaft Ihrer Texte leicht zu erkennen sein. Seien Sie auch beim Schreiben überzeugend, klar und strukturiert. Holen Sie Ihre Leser da ab, wo sie stehen. Aber fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus, sondern achten Sie auf die Befindlichkeiten Ihres Empfängers. Ihrem Chef werden Sie anders schreiben als Ihrem Lieblingskollegen, den sie per Mail fragen ob er mit ­Ihnen in die Kantine geht.

 

Je höher die Kultur, desto reicher die Sprache

(Anton Tschechow)

Einfühlungsvermögen ist hier gefragt, und das Schöne ist, dass es für jedes Gefühl das richtige Wort gibt. Wenn Sie Ihrer Sekretärin schreiben möchten, dass Ihr Kaffee immer einen Hauch zu stark ist, dann müssen Sie entsprechend vor­sichtig formulieren. Sonst sitzen Sie künftig auf dem Trockenen. Und eine Kaffee-aufbrüh-App gibt es ja noch nicht Also Vorsicht mit der Wahl Ihrer Formulierungen. Es gibt auch sehr viele Wörter, die im Dienst des höflichen Formulierens stehen. Greifen Sie einfach in das volle Regal der Wörter.

Kommen Sie doch endlich auf den Punkt!

Man mag von Handys denken, was man will, aber das Gute am dazugehörigen Kurzmitteilungsprogramm ist, dass man kurz und bündig schreiben muss. Sonst wird es zu teuer, und eine SMS besticht eben durch ihre Kürze. Eine großartige Übung, um zu lernen, wie man auf den Punkt kommt.

In Betreffzeilen gilt das gleiche Prinzip. Formulieren Sie ein passendes Stichwort. Niemals zu lang werden in einer solchen Zeile. Das Gleiche gilt für Pressemitteilungen. Sagen Sie mit der Überschrift kurz und knapp, um was es geht. Dann beginnen Sie mit dem Text.

Neben meiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeite ich von Zeit zu Zeit auch in der Nachrichtenredaktion einer großen Rundfunkanstalt. Wer gelernt hat, Nachrichten zu formulieren, der hat gelernt, auf den Punkt zu kommen. Journalisten orientieren sich an den sogenannten Sechs Ws : Was, wann, wer, wie, wo, warum? Wo ist der Unfall passiert? Wie ist er passiert? Wann und warum, wer oder was ist zu Schaden gekommen und/oder involviert?

Beachtet man diese grundlegenden W-Fragen, vergisst man nichts. Sie geben uns ein Gerüst, an dem wir uns langhangeln können. Von Nachrichtentexten kann man noch etwas Wichtiges lernen. Jedem von uns gehen Menschen auf die Nerven, die schwafeln. Ob mündlich oder schriftlich. Komm doch auf den Punkt! , denken wir uns dann und ärgern uns, dass derjenige uns die Zeit stiehlt. In einer Nachrichtensendung wäre Schwafeln tödlich. In Nachrichtentexten ist es wichtig, dass Sie einen sogenannten Leadsatz haben. Der drückt aus, worum es in der Meldung geht: Kanzlerin Merkel ist bei Papst Franziskus in Rom eingetroffen. Drei Ws sind da schon in einem Satz beantwortet. Das ist optimiert getextet. Sie können das leicht üben: Stellen Sie sich einfach vor, Sie stehen in Ihrem Garten. Es ist laut, weil alle möglichen Nachbarn mit Rasenmähern, Kantenschneidern und Hochdruckreinigern die Luft des Samstages füllen. Der Nachbar, den Sie mögen, steht hinter der Hecke. Sie wollen ihm etwas sagen, wissen aber, dass Sie aufgrund des Lärms kurz und laut Ihren Satz rüberschreien müssen: Hömma (so sagt man bei mir im Ruhrgebiet), die Merkel is in Rom beim Papst! Dann kracht wieder eine Motorsäge los. Ihr Nachbar aber hat alles verstanden und weiß, was Sie sagen wollten.

Begeben Sie sich beim Formulieren Ihrer Texte gedanklich in diese Situation, und schon wird ­Ihnen das Formulieren einer Überschrift oder das Schreiben des ersten Satzes leichter fallen.

 

Das Leben ist zu kurz für schlechte Texte

Kennen Sie die Macht des ersten Satzes?

Der erste Satz ist unglaublich wichtig. Unterschätzen Sie ihn nicht. Mancher Schriftsteller schleicht Tage um seinen Schreibtisch herum, zerkaut unzählige Bleistifte, tippt ein, löscht wieder, raucht, isst Schokolade, bis der erste Satz endlich steht. Das geht selbst Profis so. Denn eines ist glasklar: Im ersten Satz steckt die Temperatur des ganzen Buches! Im ersten Satz Ihrer Mail sagen Sie, was Sie mit dieser Mail überhaupt wollen.

Gehen Sie ruhig mal in der Mittagspause in die Buchhandlung, Abteilung Belletristik. Machen Sie sich den Spaß und lesen Sie von zwanzig Büchern nur den ersten Satz. Macht er Sie neugierig? Wollen Sie weiterlesen? Genauso sollte es mit Ihren Texten sein.

Spannen Sie Ihre Leser auf die Folter, unterhalten Sie sie. Das Leben ist zu kurz für schlechte Texte. Egal was es für ein Text ist. Der Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn sagte stets zu seinen Drehbuchautoren: Beginnt die Geschichte mit einem Erdbeben und dann steigert sie langsam!

Ich möchte Sie hier nicht anleiten, ein Drehbuch oder einen Roman zu schreiben, aber ich möchte Ihnen zeigen, wie viel Macht der erste Satz besitzt. Vertrauen Sie auf seine Wirkung.

Nachrichtentexte für das Radio und das Fernsehen sind so aufgebaut, dass man sie von hinten nach vorne kürzen kann. Sie merken: das Wichtige nach vorne, das weniger Wichtige (ich sage nicht Unwichtiges, denn das brauchen Sie nicht zu schreiben) nach hinten. Hören Sie die Radio­nachrichten morgens im Stau mal ganz bewusst. Knackiger Leadsatz, und dann werden die Ws beantwortet.

Wie wichtig ist Ihnen Rhythmik im Leben?

Strukturieren Sie Ihre Texte. Schreiben Sie erst, nachdem Sie gedacht haben. Konstruieren Sie aus dem ersten Satz nicht gleich einen Schachtelsatz. Das kann nur Thomas Mann. Und nicht alle mögen Thomas Mann. Achten Sie darauf, dass Sie einen SPO-Satz bauen: Subjekt, Prädikat, Objekt. Kanzlerin Merkel (Subjekt) ist (Prädikat) bei Papst Franziskus (Objekt) in Rom eingetroffen (Prädikat). Es ist nichts gegen Schachtelsätze, Relativsätze oder Einschübe zu sagen, aber auch in ihnen sollte jedes Wort einen Sinn haben. Und: Achten Sie auf den Rhythmus der Sätze. Fünf kurze SPO-Sätze hintereinander sind verständlich, aber eintönig. Das macht die Zeitung mit den großen Buchstaben. Spielen Sie mit den Längen der Sätze: zwei kurze, ein erklärender langer Satz, ein prägnanter kurzer, dann wieder ein emotionalerer langer. Rhythmus macht alle Dinge schöner. Denken Sie ans Tanzen oder ans rhythmische Klatschen auf der Tribüne Ihres Fußballstadions. Rhythmus reißt mit. Rhythmus strukturiert. Immer.

Wechseln Sie auch die Wörter ab. Schreiben Sie nicht hundertmal Meeting , sondern suchen Sie Synonyme: Teambesprechung , gemeinsames Treffen , Besprechung oder Konferenz . Jonglieren Sie mit den Wörtern, überlegen Sie immer, wie Sie es noch schöner schreiben können. Benutzen Sie Sprache nicht nur, sondern spielen Sie mit ihr, genießen Sie sie. Schreiben Sie bewusster und sagen Sie doch einfach, was Sie sagen wollen.