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Der Blickwinkel entscheidet

Von wegen Datenfriedhof! Der diesjährige OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick" hat Politik und öffentliche ­Meinung überraschend stark beschäftigt. Die einen sehen in der Bildungsgesellschaft einen closed shop, die anderen gute Chancen für den Aufstieg. Vor allem aber geht es um die Frage, ob Deutschland zu saturiert ist. Oder drastisch ­formuliert: Bleibt hierzulande "arm eben arm und dumm eben dumm"?

Jörg E. Feuchthofen

Manchmal ist es auch für Fachleute interessant, zunächst Berichte über eine neue Studie abzuwarten und zu lesen, um erst dann in die Primärdaten einzusteigen. Bei breit und regelmäßig angelegten Datenkonvoluten erscheint das gelegentlich ganz legitim. Und auch ein wenig spannend für die eigene Meinungsbildung. So geschehen beim jüngsten OECD-Bildungsbericht, der Mitte September 2012 vorgestellt wurde und eine hitzige Debatte entfachte. Dabei stand nicht die Diskussion deutscher Bildungsleistungen im Vordergrund, sondern deren sozial- und gesellschaftspolitische Bewertung.

Eigentlich hatte alles friedlich und mit einem Kompliment begonnen. Die OECD stellte im Bericht und in den Presseunterlagen heraus, dass Deutschland und die Schweiz weltweit zu einer nur kleinen Gruppe gehören, in denen die Bildungs- und Berufschancen der jungen Generation trotz des globalen wirtschaftlichen Krise 2008 bis 2010 stabil geblieben sind. Auch dank der hiesigen Bildungsleistungen ist Deutschland zudem das einzige Land innerhalb der OECD, in dem die Arbeitslosigkeit in dieser Zeit und quer durch alle Bildungsgruppen sogar abgenommen hat. Die zentrale Botschaft der OECD war mithin: ein höherer Bildungsstand garantiert auch in Krisen bessere Job­chancen.

Wer deswegen bei der Berichterstattung ein Loblied oder ein Schulterklopfen erwartet hatte, wurde mehr als überrascht. In den Fokus rückte ein anderer, im Bericht nicht einmal herausragend genannter Indikator: die Bildungsmobilität. Gemeint sind Bildungsaufstieg und Bildungsabstieg junger Leute im Vergleich zu ihren Eltern. Die OECD stellt hierzu sachlich fest, dass 22 Prozent der 25- bis 34-Jährigen unter dem Niveau der Bildungsabschlüsse ihrer Eltern bleiben. 20 Prozent liegen darüber.

Für sich gesehen und rechnerisch ist das ein relativ statisches Ergebnis zum Ist der Eltern und kein Grund zum Aufschrei. Wenn da nicht die anderen Länder wären. Der OECD-Schnitt ist besser. Nur 13 Prozent verschlechtern sich. 37 Prozent kommen sogar über das Niveau ihrer Eltern hinaus. Das Vergleichsniveau der jeweils nationalen Ausgangsleistung bleibt dabei außer Betracht.

Selbst konservative Medien machten damit ihre Meldungen negativ auf. Die Tendenz war einhellig, von gemäßigt bis bissig: Nur jeder Fünfte schafft den Aufstieg durch Bildung, titelte der Spiegel online. Schlaglöcher auf dem Weg zur Bildungsrepublik Deutschland und Saturiertheit machte das Handelsblatt aus.

Noch schärfer titelte die Süddeutsche: "Arm bleibt arm, dumm bleibt dumm." Die Politik verschwendet ihren Ehrgeiz darauf, die Probleme schönzureden. Andere Medien folgten dieser Linie, etwa: "Wie der Vater, so der Sohn?" Oder: "Deutschland fällt beim sozialen Aufstieg mit besserer Bildung zurück." Soweit nur einige Beispiele des allgemeinen Medientenors.

Angesichts der allgemeinen öffentlichen Empörung blieb die Politik zunächst eher still. Oder sie wurde durch diese Resonanz überrascht und verhielt sich besonnen. Denn wie immer, wenn sich Bildungspolitik und sozialpolitische Sicht in Deutschland verbinden, entsteht ein gesellschaftspolitisches Pulverfass. Muss der Staat nicht handeln, wenn Eltern es nicht schaffen, die alte Sehnsucht aus den Zeiten des Wirtschaftswunders auch heute noch zu erreichen? Damals lautete doch das allgemeine Ziel: Unsere Kinder sollen es einmal besser haben!

Sind wir also schon im Olymp des Wohlstands angekommen oder gar am Beginn des Abstiegs? Macht Saturiertheit allzu behäbig? Oder aber ist das System nicht der wahre Schuldige, von wegen mangelnde Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Durchlässigkeit, Gleichwertigkeit und wie andere Schlagworte dieser Art auch alle heißen? Muss die Bildungspolitik nicht endlich der Sozialpolitik als Teilbereich zu- bzw. untergeordnet werden?

Die Politik weist gerne in diesem Kontext daraufhin, dass die Darstellung der OECD immer wieder "die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung konterkariert" (so zum OECD-Bericht Bundesbildungsministerin Schavan). Oder noch deutlicher: "Wenn der Vater Professor ist, ist es kein Abstieg, wenn der Sohn Optiker wird". Die OECD hält dem entgegen, dass die deutsche Seite zwar behaupte, die duale Ausbildung werde im

Grafik: Ein Blick in den OECD-Bericht gibt Aufschluss

internationalen Vergleich unter Wert gehandelt, diesen Effekt aber nicht beziffern könne. So stehen sich in diesem Punkt Positionen gegenüber, die aus der Berichterstattung über "Aufstiegs- oder Abstiegsmentalität" für die Bevölkerung weder erkennbar noch inhaltlich nachvollziehbar sind.

Fachlich hat jedenfalls die Krise 2008-2010 in den Ergebnissen, aber auch in den Grundbedingungen ihrer Abfederung in Deutschland gute und starke Argumente für die berufliche Bildung hervorgebracht. Bekanntlich haben die Unternehmen im Land die meisten ihrer Mitarbeiter halten wollen und auch können. Kurzarbeit und Weiterbildung oder auch Nachqualifizierung waren hierbei die Erfolgsinstrumente. Das hätte auf der akademischen bzw. hochschulischen Ebene schon systemisch nicht in diesem Maß reibungslos funktioniert. Betriebsnähe und ein flexibler Markt mit Angeboten in der beruflichen Bildung sind eben etwas anderes: passgenau, unternehmensnah, modular und in enger gemeinsamer Erfahrung gestaltbar. Die in der Folge herausragend gute Krisenbewältigung gesteht auch die OECD zu. Dann aber sollte sich dort auch Bewegung bei der Akzeptanz der Gründe im hiesigen Bildungssystem zeigen.

Licht und Schatten: Zentrale Ergebnisse der OECD-Studie

Wichtig ist es für die Zukunft, die Begabungsreserven in Deutschland stärker zu aktivieren, zu fördern und auch zu fordern. Dazu gehören in besonderem Maße Kinder aus bildungsfernen bzw. -schwachen Schichten. Eine aktuelle Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung hat einige Ursachen für und Wege aus der Bildungsabstinenz geklärt. Zumindest beim Hochschulzugang gibt es noch starke Ängste wegen langer Studienzeiten, hoher finanzieller Investitionen und eine "diffuse Angst vorm Studieren". Aufklärung durch eine früh einsetzende ermunternde Beratung und eine systematische Informationsvermittlung zur Studienplanung wie -finanzierung sind die richtigen Hebel.

Hier sollten weitere Leistungen in der deutschen Bildungsfinanzierung ansetzen. Dann würde die Frage, ob genug Geld und an der richtigen Stelle in Bildung investiert wird, nachhaltig aufgenommen. Und letztlich wäre es damit nur ein akademisches Thema, ob das Sparschwein Bildungsmittel nun halb voll oder halb leer ist.