Startseite | Service-AGB-Datenschutz-Versandkosten | Mediainformationen | Autoreninfos | Impressum

W&B gehört seit 1948 zu den renommiertesten Fachzeitschriften der Beruflichen Bildung!

Falsche Wege

Jedes Jahr beginnt in Deutschland für 300.000 Jugendliche der Übergang von der Schule in eine Berufsaus­bildung mit Warteschleifen im Übergangssystem. Der Zusatz System" ist bereits eine Übertreibung. Von einer Systematik kann keine Rede sein. Dieses Phänomen hat mehrere Ursachen: Viele Jugendliche wissen nach der Schule nicht, was sie eigentlich wollen im Leben und erhalten auch keine Hilfe bei der Suche nach einem sinnvollen und erreichbaren Ziel. Oder sie haben keinen Erfolg bei der Suche nach einer beruflichen Ausbildung, die ihren Vorstellungen entspricht. Mangelnde kognitive und soziale Fähigkeiten kommen oft dazu. Diese Gruppen lassen sich nicht unbedingt deutlich voneinander trennen, denn der Wunschberuf hat manchmal wenig mit den eigenen Fähigkeiten der jungen Menschen zu tun. Ein unrealistisches Ziel ist auch nicht viel hilfreicher als gar keins. Da Bildung aber generell in unserer Gesellschaft als etwas Gutes gilt und das Übergangssystem bereitwillig jeden Jugendlichen aufnimmt, verbringen sie dort sechs Monate bis zwei Jahre oder mehr mit dem Ziel, irgendwann irgendwie den Absprung in eine Berufsausbildung zu finden.

Weshalb verlassen so viele Jugendliche die allgemeinbildende Schule, ohne ausreichend auf den Schritt ins Berufsleben vorbereitet zu sein? Das ist so, es war schon immer so und die KMK arbeitet daran, das zu ändern und damit basta.

Kaum jemand hält das Übergangssystem in der derzeitigen Form für sinnvoll. Den aktuellsten Verbesserungsvorschlag bietet die Bertelsmannstiftung mit ihrem neuen Gutachten Was kostet eine Ausbildungsplatzgarantie in Deutschland?" (siehe Bericht S. 69 f.) Dahinter steckt die These: Wenn wir genügend Ausbildungsplätze hätten, wäre das Problem gelöst. Noch nicht ausbildungsreife Jugendliche bekommen etwas Starthilfe, und jeder bekommt die Garantie für einen Ausbildungsplatz.

Das klingt nach staatlich finanzierten Ausbildungszentren, die betriebsnahe" Ausbildungsplätze anbieten. Was betriebsnah ist, wird nicht näher beschrieben. Ein Hinweis darauf, welche Ausbildung angeboten wird, findet sich ebenfalls nicht. Merkwürdig. Eine Mechatronikerausbildung ist nicht nur doppelt so teuer wie die ­Ausbildung in einem Büroberuf. Es ist auch offensichtlich, dass Jugendliche mit unterschiedlichen Begabungen und Neigungen in ganz unterschiedlichen Berufen ausgebildet werden sollten. Richten wir uns also nach den Wünschen der Jugendlichen oder nach den vorhandenen Kapazitäten? In wie vielen Berufen wird in einer Region ausgebildet? Spielt es eine Rolle, ob für diesen Beruf in dieser Region eine Nachfrage oder ein Überangebot an Arbeitskräften besteht? Erwarten wir von den jungen Menschen, dass sie nach der Ausbildung mobil sind und sich zu den angebotenen Arbeitsplätzen bewegen?

Es gibt noch mehr Fragen. Vernünftigerweise richten Jugendliche ihre Wünsche auch danach aus, welche Ausbildungsplätze überhaupt angeboten werden. Was geschieht mit Jugendlichen, die zwar einen Ausbildungsplatz bekommen könnten, aber nicht in ihrem Traumberuf? Gilt auch hier die Ausbildungsplatz­garantie?

Eine noch wichtigere Frage findet sich nicht im Gutachten der Stiftung: Haben wir tatsächlich zu wenig Ausbildungsplätze? Es gibt noch Regionen, wo dies tatsächlich der Fall ist. Aber im Saldo werden uns in Zukunft jedes Jahr mehr Jugendliche fehlen, die die Plätze in der Wirtschaft besetzen könnten. Eine staatliche Ausbildungsplatzgarantie kann die Situation also nur verschlechtern, da sie Jugendliche vom Ausbildungsmarkt fernhält. Es nützt nichts, das derzeitige Übergangs­system durch ein neues System zu ersetzen. Die Schule muss endlich ihre Hausaufgaben machen.