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"Verstehen Sie Wirtschaft?"

"Verstehen sie wirtschaft?"

Interview mit Peter Nemec, nemectv GmbH

Wir leben in einer Marktwirtschaft. Aber nach wie vor lernen Schüler wenig bis nichts über wirtschaftliche Zusammenhänge. Entsprechend niedrig ist die Wirtschaftskompetenz in der Bevölkerung. Deshalb sind Begriffe wie Markt und Wettbewerb eher negativ besetzt. Peter Nemec, der jahrzehntelang als Wirtschaftsredakteur tätig war, kann sich damit nicht abfinden und hat einen Fernsehsender gegründet, um Jugendlichen Wissen über Wirtschaft zu vermitteln.

Herr Nemec, seit 1975 haben Sie für das ZDF die Drehscheibe, die Tele-Illustrierte und die 3Satbörse moderiert. Was tun Sie zurzeit?

Nemec: Nicht mehr moderieren. Aber nicht, weil mir das vielleicht keinen Spaß mehr machte, sondern weil ich jetzt eine Vision verwirkliche, die ich seit langer Zeit mit mir rum trage.

Ich habe bis vor gut 2 Jahren bei ZDF und 3Sat viele Wirtschaftssendungen sowie die quotenstärkste Börsensendung des deutschen Fernsehens, die 3Satbörse", moderiert und verantwortet. Besonders in den ersten Jahren lange, bevor der Neue Markt an der Frankfurter Börse erfunden wurde habe ich mit Bestürzung erkennen müssen, wie wenig Wirtschaftswissen (und natürlich auch speziell Börsenwissen) in der deutschen Gesellschaft vorhanden ist. In jenen Tagen hat man den DAX eher im Zoo vermutet und den Nikkei für ein japanisches Reisgericht gehalten. Speziell die Schaffung des Neuen Marktes mit viel Publikums-Tam-Tam und Schauspielern, die plötzlich für Börse, Wirtschaft und IPO´s getrommelt haben hat dann Ende des vergangenen Jahrtausends viel zum Interesse an Wirtschaft und Börse beigetragen. Dennoch habe ich immer wieder festgestellt, dass es trotz allem bei einem ziemlich oberflächlichen Wissen geblieben ist. Der Grund: Eine ausreichende wirtschaftliche Basis wird jungen Menschen in Deutschland nicht oder kaum vermittelt. Und hier setzt meine Vision an. Ich habe ein Unternehmen gegründet, einen Fernsehsender im Internet, mit dem Ziel, Wirtschaftsinformationen an junge Menschen leichtverständlich, spielerisch und mit Spaß zu vermitteln (www.bizzybiz.tv). Und das mache ich jetzt.

Ihre Analyse bedeutet: Menschen verstehen das System nicht, in dem und von
dem sie leben. Was sollte sich ändern, damit mehr Wirtschaftskompetenz entsteht?

Nemec: Menschen verstehen hierzulande deshalb das System so schwer, oder kaum, weil die wirtschaftliche Basis fehlt, weil schon in jungen Jahren Begegnungen mit wirtschaftlichen Sachverhalten eher selten sind. In kaum einem westlichen Land ist Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge bei jungen Menschen so schwach vorhanden, wie in Deutschland. Das Thema "Wirtschaft" ist das Stiefkind der Schulbildung. Wirtschafts- und Finanzwissen sind aber - auch vor dem Hintergrund der Globalisierung - eine Schlüsselqualifikation. Schüler können nicht mehr warten, bis es - vielleicht irgendwann mal - flächendeckend ein Schulfach Wirtschaft" gibt. Jugendliche haben ein Recht darauf, jetzt an diesem Wissen beteiligt zu werden.

Und die Erwachsenen haben die Pflicht, die heutige Generation zu informieren. Schüler wissen erschreckend wenig über Geld. Eine Forsa-Umfrage hat bestätigt, dass die meisten Schüler in Deutschland erhebliche Wissenslücken in Geldfragen haben. Nur jeder Zweite weiß, wofür ein Girokonto da ist. Fast 1/3 glaubt nicht, dass es länger dauert, mit € 50 einen Kredit von € 2.000 abzubezahlen, als den Betrag zu sparen. Die Wirtschaft ist die Blackbox der Jugend, nachzulesen in der aktuellen Jugendstudie Soziale Marktwirtschaft? Kenne ich nicht. Inflation? Noch nie gehört!" Viele Jugendliche und auch viele Erwachsene können selbst einfache wirtschaftliche Begriffe wie Soziale Marktwirtschaft" oder Inflationsrate" nicht erklären. Dazu kommt gravierend das deutsche Sicherheitsdenken, das von oben" Beschütztwerden. In Deutschland hat über Jahrzehnte hinweg geradezu eine wirtschaftliche Entmündigung stattgefunden. Wir waren und sind gegen alles versichert, der Staat behütet uns (wie lange kann er sich das noch leisten?). Für die Altersvorsorge sind im internationalen Vergleich großzügige - Renten, Pensionen, Sparbücher sowie Lebensversicherungen (für die sich Berliner Verbraucherschützer die Bezeichnung staatlich sanktionierter Betrug" erstritten haben) vom Verständnis her ausreichend.

Warum sollte man sich vor diesem Hintergrund selbst um wirtschaftliche Zusammenhänge und Sachverhalte kümmern? Warum sollte man über eine Alternative, bspw. über Dividendenpapiere, überhaupt nachdenken? Wäre so gesehen auch schlecht möglich, weil man nichts davon versteht, weil die dazu nötigen Informationen nirgendwo an einen herangetragen wurden. Aktien das ist doch nichts für mich. Das ist doch nur was für die Schreihälse an der Börse" (wo´s heute dank Xetra allerdings ziemlich ruhig ist). Was die machen, verstehe ich sowieso nicht!" Und trotz Neuer Markt-Hysterie vor gut 10 Jahren, trotz Manfred Krug, der die T-Aktie leutselig zu erklären versuchte, ist es letztendlich heute immer noch so, dass, wenn es hier etwas tiefer geht, Kohorten wissensmäßig blank ziehen.

Am deutlichsten hat man das an der Visions-Hausse am Neuen Markt erkennen können. Wirtschaft versimplifiziert: Jede Hausfrau hat ein tolles Depot gehabt, weil es eine Zeitlang nur eine Richtung gab: nach oben. Dafür brauchte man kein Wirtschaftswissen. Ich wurde damals oft von Zusehern gefragt, Worauf soll ich morgen setzen?" Hier kann man schon die gruselige Einstellung der Kulisse erkennen: Gesetzt wird nämlich im Spielkasino, an der Börse wird investiert. Der Neue Markt ist Geschichte. Das in einem derartigen Mechanismus Wirtschaft scheinbar so einfach geht, ist auch Geschichte. Das Geld, das die meisten investiert haben, ist auch Geschichte, es ist nämlich weg. Und die Hoffnung, dass, bspw. mit populären Marktsegmenten, großflächig Interesse an Wirtschaft entsteht, ist auch Geschichte. Vielmehr sind aufgrund der Spekulationsverluste viele Menschen sauer auf die Wirtschaft". Schade. Denn die Wenigsten haben begriffen, dass ohne solides Wirtschaftswissen eben keine seriösen Finanzgeschäfte, sprich Gewinne, zu erzielen sind. Jeder gute Kaufmann kann ein Lied davon singen.

Was soll sich ändern? Verschiedene Instanzen, wie zum Beispiel Arbeitgeberverbände oder der Bundesverband der Banken fordern ein neues Schulfach: Ökonomische Bildung als Allgemeinbildung in einem 2-stündigen Pflichtfach Wirtschaft von Klasse 5 12". Der Wirtschaftsunterricht soll vor allem klären, wie Märkte und Unternehmen funktionieren und nach welchen Mustern Menschen in der Wirtschaftswelt handeln. Die Schüler sollen lernen, dass Menschen, die in der Schule ökonomisch gebildet wurden, erfolgreicher sein werden als andere. Das ist zumindest der Anfang einer Konzeption. In weiteren Schritten ist es sicherlich für junge Menschen auch wichtig zu erfahren, wie Macht und Hierarchie den Arbeitsalltag im Unternehmen prägen. Auch Wirtschaftspsychologie ist so gesehen ein Must": Persönliche Erwartungen können, etwa beim Geldanlegen, die Wahrnehmung verzerren. Wie widersteht man dem durch Werbung erzeugten Gruppenzwang?

Dies und vieles mehr hilft, bewusster, autonomer und wirkungsvoller wirtschaftlich
zu handeln. Soweit so gut. Und ich persönlich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, in dem ich einen Internet-TV-Sender gegründet habe, mit dem Programmzweck Wirtschafts-und Finanzwissen für junge Menschen" zu vermitteln.

Der Trend in den Medien geht doch eher zur Unterhaltung im Kurzzeitformat.
Sind ausgerechnet die Medien geeignet, solides Wissen zu vermitteln?

Nemec: Wo erwarten junge Menschen wirtschaftliche Informationen? Auch hier liefert die Deutsche Jugendstudie deutliche Ergebnisse. Wirtschaftliche Informationen werden weder in der Schule noch im Elternhaus erwartet, sondern vielmehr von den Medien. Wie geht das aber, damit sich vor dem Hintergrund des Trends Unterhaltung im Kurzzeitformat" junge Leute über eine gewisse Sendestrecke auch Wirtschaft anschauen?

Es geht: Der Themenkomplex Wirtschaft" muss statt als No-Go" als emotionales und relevantes Thema in der Lebenswelt von jungen Menschen positioniert werden. Mit unserem Wirtschaftsfernsehen für junge Leute" www.bizzybiz.tv bspw. holen wir junge Leute an ihren Touchpoints ab und fordern sie heraus, in dem wir Wirtschaftsbegriffe auf provokante Art und Weise in einen neuen Kontext bringen: Du glaubst, Viagra hilft gegen Insolvenz?" oder Du denkst beim Absatzmarkt an neue Schuhe?" Unsere Darreichungsform von wirtschaftlichen Inhalten soll Talk of
Bushaltestelle" werden.

Es gab noch nie eine solche Fülle und Vielfalt an Medien wie heute. Zugangskosten spielen kaum eine Rolle. Aber wie steht es mit der Medienkompetenz? Müssen wir uns darüber Gedanken machen?

Nemec: Natürlich müssen wir uns darüber Gedanken machen. Besonders über Fluch und Segen des Internets. Auch hier noch einmal ein Beispiel aus dem Themenkreis Börse in Hausselaune": Unzählige Gurus haben sich speziell zur Zeit des Neuen Marktes dazu berufen gefühlt, via Print, via telefonischer Hotline etc. gegen Entgelt todsichere Tipps und dergleichen" an den Mann zu bringen. Und heute ist eben das Internet die Spielwiese dieser Gurus. Kaum einer ist legitimiert, vielmehr haben schon einige Bekanntschaft mit dem Staatsanwalt gemacht. Über diese Art von Informations-Multiplikation via Internet einer fragwürdigen Kompetenz" muss man sich tatsächlich Sorgen machen. Gott sei Dank stehen dem gegenüber viele Print- und einige TV-Produkte, die über eine tatsächliche, hohe wirtschaftliche Kompetenz verfügen. FAZ, Handelsblatt, Börsenzeitung, Wirtschaftswoche sowie die Börsenberichterstattung in ARD, ZDF und n-tv, nur um einige zu nennen. Die Krux dabei: Je anspruchsvoller die Ausrichtung, desto geringer ist häufig die Auflage oder die Quote. Und hier schließt sich der Kreis. Weil Basiswissen kaum vorhanden ist, wird die Notwendigkeit von Wirtschaftswissen von vielen nicht erkannt. Und weil das so ist, ist der Interessenten-Kreis von Wirtschaftslektüre meistens eine geschlossene Gesellschaft. Dazu kommt, dass eine leicht verständliche Aufbereitung von Wirtschaftswissen hierzulande mentalitätsmäßig stigmatisiert ist. Nur was schwer ist, ist von Bedeutung. Wirtschafts- und Finanzinformationen müssen die Zielgruppe nicht nur dort abholen, wo sie erreichbar ist, sondern sich auch soweit möglich und sinnvoll ihrer Sprache bedienen". Jugendliche verstehen das klassische Nachrichtendeutsch, und das der Wirtschaftsnachrichten im Besonderen, kaum, ergab eine DIHK-Studie. Conclusio: Wenn die Sprache nicht stimmt kommen keine guten Werke zustande" (Konfuzius). Sprache und Inhalte von Wirtschaftsprogrammen müssen vielmehr persönliche Bezüge und emotionale Zugänge suchen. Speziell bei Jugendlichen werden Hemmschwellen so abgebaut. Hinderlich auch für breitflächige Wirtschaftsberichterstattung ist sicherlich auch das Quoten- und Auflagendenken. Das ist kurzfristig gedacht, denn die Vermittlung von Wirtschaftswissen, speziell an junge Menschen, ist Nachhaltigkeit in bester Qualität. Der Return on Invest kommt von unseren Kindern.





Das Interview führte Charlotte B. Venema