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Wie man zum Experten wird

Meine Meinung

Eine Form der Kompetenz wird in Wissenschaft und Praxis bisher völlig vernachlässigt: die Kompetenz durch Betroffenheit. Dabei ist es höchst erstaunlich, welches Expertenwissen durch schlichte Betroffenheit entsteht. Wie wird man zum Betroffenen?

Das ist relativ einfach. Fluglärm, der Bau unterirdischer Bahnhöfe, Stromtrassen, Hochgeschwindigkeitszüge, Windräder, Asylantenheime, Kohlekraftwerke und Umgehungsstraßen produzieren hochgradige Betroffenheit. Dabei ist die Aussage Ich möchte nicht, dass Flugzeuge in 300 m Höhe über mein Grundstück fliegen , völlig nachvollziehbar und geeignet, Verständnis und Sympathie zu wecken. Auch die Umgehungsstraße im Vorgarten macht wenig Freude. Asylantenheime könnten Neonazis anlocken und die findet nur eine kleine Minderheit sympathisch.

Aber so läuft die Argumentation nicht. Man holt weiter aus. Bürgerinitiativen gegen ­Fluglärm konzentrieren sich in ihrer Argu­mentation nicht darauf, dass Flug­lärm stört. Das ist eher ein Randthema. Man beweist hieb- und stichfest, dass der Flughafenbetreiber ein raubgieriger Kapitalist ist, die Annahmen zu der Entwicklung der Fluggastzahlen ökonomischer Irrsinn sind, die Region sich wirtschaftlich viel besser entwickeln würde, wenn man die störenden Flüge reduzieren würde und dass die regionale Wirtschaft keinen Weltflughafen benötigt, sondern die Fracht auch per Bahn schicken könnte und damit sogar glücklicher wäre. Außer­dem sind die Grenzen des Wachstums längst erreicht. Wer das noch immer nicht verstanden hat gefährdet die Zukunft des Planeten. Der lästige Neubau von Bahnhöfen produziert Experten für die Leistungsfähigkeit von Kopfbahnhöfen, den Tunnelbau durch Karstgestein, Sicherheitsrisiken, die regionale Entwicklung und die Kostenkalkulation von Großprojekten.

Die Argumentationsbreite und Tiefe von Bürgerinitiativen gegen dieses oder jenes und die Reichweite von Argumentationsketten ist beeindruckend. Betroffenheit produziert Experten für alles, was argumentativ verwertbar ist. Wer sachlich Recht hat, ist moralisch im Recht. Kompetenz und Moral sind im Verbund unschlagbar. Die Experten der Gegenseite sind folglich inkompetent, interessengeleitet, abhängig, Lobbyisten, geldgierig oder alles zusammen.

Dahinter steckt eine ganz simple Erkenntnis. Kompetenz, also die Fähigkeit, einen Sachverhalt zu bewerten und damit vernünftig umzugehen, wird durch die eigenen Interessen beeinflusst. Wo bleibt die Objektivität? Wo auch immer sie sich versteckt. Menschen sind nicht objektiv. Wir fühlen uns wohl, wenn wir nicht nur die ­eigenen Interessen vertreten, sondern gleichzeitig ­belegen können, dass wir uns für das Wohl der Menschheit ein­setzen.

Das gilt immer für beide Seiten. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied. Wer sein Projekt verteidigt, konzentriert sich auf die realen Entscheidungsgrundlagen und kommt seinen Gegnern mit Fakten. Aber Fakten liefern nur die Basis für Entscheidungen. Jedes Großprojekt beruht auf Zukunftsprognosen und Annahmen. Und Prognosen sind bekanntlich dann schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Die vermeintliche Stärke Sachlichkeit wird daher schnell zur argumentativen Selbstbeschränkung.

Faktenbezogene, sachliche Argumentationsketten hinterlassen bei den Gegnern von Großprojekten nicht den geringsten Eindruck. Sie stehen auf der sicheren Basis der Kombination von eigenen Interessen, eigener Kompetenz in der Beurteilung des Sachverhalts, der Stärkung durch Gleichgesinnte und moralischer Rechtfertigung.

Wir wissen viel über die Definition, Entstehung, Messung und Bewertung von Kompetenz. Aber welche Schlagseiten entstehen durch das Zusammenspiel von Interessen und Kompetenz?